Heute abend setze ich mich an den Pool, hänge die Beine ins Wasser und beobachte Jupiter am Himmel mit dem Stier ringen. Seit Wochen poste ich auf facebook Andeutungen auf den südafrikanischen Sommer, um neidische Kommentare meiner Freundinnen und Freunde in Deutschland und anderen Orten der winterlichen Nordhalbkugel zu ernten. Ich bin damit mäßig erfolgreich. Irgendwie wollen die Leute nicht antworten, wie unverschämt das sei und dass sie alles gäben (Geld, Frau, Schokoladenkuchen), um mit mir zu tauschen.
Aber bitte, ich wollte auch gar nicht tauschen, schließlich ist der Himmel in Deutschland einfach nicht der Gleiche. Seit Wochen gehe ich abends raus auf unseren Balkon und versuche, die Sterne mit Namen zu nennen.

Das Wintersechseck steht aktuell an unseren lauen Sommerabenden hoch im Norden über der Table Bay. Diese sechs Sterne sind so hell, dass man sie auch in der Großstadt sehen kann und tragen die schönen Namen Aldebaran, Rigel, Sirius, Prokyon, Pollux und Capella. Pollux kannte ich schon. Castor und Pollux sind die Zwillinge und Köpfe meines Sternzeichens. Rigel ist ein Teil des bekannten Sternbilds Orion, Ihr wisst schon, der mit dem Gürtel. Um diesen Gürtel herum sieht man vier helle Sterne, die dann die Füße und Hände oder Schultern von Orion bilden. Gegenüber von Rigel steht Beteigeuze, Heimatsystem von Ford Prefect und Zaphod Beeblebrox, und neben ihm Bellatrix. Pollux, Rigel und Beteigeuze gehören zu den hellsten Sternen am Nachthimmel. Beteigeuze heißt auf Englisch Betelgeuse, sprich „Käfersaft“, und stand also Pate für Tim Burtons 80er-Jahre-Dämon.

So ging ich also Orions Sterne ab und sah einen Nebel aus vielen schwachen Sternen über seinem Gürtel. Ich erinnerte mich, dass Orion ein Schwert hat, das ihm vom Gürtel hängt. Vor meinen Augen präsentierte sich das Schwert aber nun als Ständer, und ich musste erkennen, dass Orion andersrum war. Als Kind durfte ich bei der Sendung mit der Maus lernen, dass die Leute am anderen Ende der Erde nicht mit dem Kopf nach unten herabhängen. An Orion hat die Maus wohl nicht gedacht.

Orion ist in fast allen Kulturen und Zeiten als Riese gedeutet worden, und wenn man dieses prächtige Sternbild sieht, kann man es gut nachvollziehen. Orion ist ein Jäger und wird von zwei Hunden begleitet.

Großer HundAuch Canis Major lässt sich mit etwas graphischer Hilfe (links) gut als Großer Hund sehen. Am Hals des Hundes, quasi als glänzende Hundemarke, strahlt Sirius, der Hundsstern. Sirius ist einer der hellsten Sterne des Nachthimmels, sogar der Allerhellste überhaupt. Die Zeit des Jahres, zu der Sirius erstmalig am Nordhimmel zu sehen ist, nennt man nach ihm die Hundstage, und die sind dafür berüchtigt, sengend heiß zu sein, geradezu subtropisch. Also ungefähr wie aktuell hier in Kapstadt … (Neidische Kommentare bitte unten posten!)

Eifrigen Harry-Potter-Fans wird aufgefallen sein, dass einige dieser kaum aussprechlichen Namen ihnen bekannt vorkommen. Bellatrix Lestrange ist die böse Zauber-Ische, während Harrys väterlicher Freund Sirius Black dieser Gestaltwandler ist, der sich in einen … naaaaaaaa? … ja, genau: in einen … Huuuuund verwandeln kann. Dessen befreundeter Werwolf heißt Remus Lupin. Lupin wie Lupus (der aus der Fabel, ach ne, das war ja Isegrim), und Remus wie Romulus. Warum Frau Rowling Sirius‘ Bruder Regulus nannte und nicht z. B. Prokyon, wie Sirius‘ Nachbarstern, weiß der Himmel. Regulus ist zwar meines Wissens kein Animagus, liegt aber im Löwen, und der ist ganz woanders. Regulus‘ zweiter Name lautet Arcturus, also das Bärchen, und bildet das Frühlingsdreieick mit Regulus und Spica. Ich hätte, wenn überhaupt, dann also Sirius‘ Bruder Prokyon genannt, Remus Lupins Bruder Romulus und Bellatrix Lestranges‘ Bruder Betelgeuse. Bei Letzterem hätte man sich aber vielleicht gefragt, was der nun bei Harry Potter soll.

Wenn man die Sterne besser sehen will, muss man ins Hinterland fahren. Also zum Beispiel in die Halbwüste Karoo, wo sich auch Südafrikas Hauptsternwarte befindet. Als wir vor Kurzem mit unserer Freundin und Besucherin Kristin in die dunklen Zederberge fuhren, konnte ich die genannten Sterne noch nicht so recht benennen. Also tat Kristin es. Als wir aus unserem Ferienhäuschen unter den Nachthimmel traten, tauchten nämlich just zwei Sterne über dem Horizont auf und erklommen erstaunlich schnell das Firmament. Kristin taufte den einen leuchtenden Stern flux „Kristin“ und den etwas schwächeren Stern daneben „Charlotte“.

Kleiner HundWährend Kristin Charlotte ehrfürchtig Kristin und Charlotte anstarrte, starrte ich in den Sternenführer, den ich mir kürzlich zugelegt hatte. Kein Führer für Anhalter, sondern einen für Anfänger. (Ha … ha.) Ich fand heraus, dass Kristin und Charlotte in Wirklichkeit eben jene beiden Sterne sind, die den Kleinen Hund bilden. Mit anderen Worten: Der Kleine Hund besteht nur aus einem Strich. Man hätte ihn also auch „Stecknadel“ nennen können oder „Abgebrochener Spagettho“. Wer in diesem „Bild“ einen kleinen Hund sah, muss was Schlechtes geraucht oder an einen Dackel gedacht haben.

Es gibt jede Menge solcher Sternbilder, die nur aus einem Strich oder einem Haken bestehen. Als vor rund 250 Jahren der französische Anstronom Lacaille in Südafrika weilte, bepflanzte er den Sternhimmel fleißig mit Sternbildern. Wenn ein dunkles Loch zwischen zwei prominenten Bildern zu füllen war, nahm er die beiden hellsten Sterne, die er im Loch finden konnte, und nannte sie „Chemieofen“ oder „Luftpumpe“. Ich hätte auch ohne schlechtes Kraut bessere Namen gefunden.
Als ich vor rund zehn Jahren schon einmal in Südafrika weilte, fasste ich zum Beispiel einige Sterne zum Sternbild Kleiner Hund zusammen – wohlgemerkt ohne zu wissen, dass es den schon gab. Meine Version sah einem kleinen Hund auch weit ähnlicher, aber leider habe ich ihn nie wiedergefunden. Ganz im Gegensatz zum Fragezeichen, das ich ebenfalls erfand. Ich erkannte es nun im Schützen wieder.

Aber zurück zu Kristin und Charlotte, die also offiziell Prokyon und Gomeisa  heißen. Gomeisa … Endlich mal ein vertrauter Name. Gomeisa war eine gute Freundin von mir, eine hübsche Italienerin, und hieß mit Familiennamen Geminorum. Aus astronomischer Sicht ist das völliger Unfug. Gomeisa liegt, wie erwähnt, im Kleinen Hund und heißt dementsprechend Gomeisa Canis Minoris bzw. Beta Canis Minoris. Was widerum passte, war, dass Gomeisa ein Hund war. Allerdings eine Neufundländer-Dame und somit alles andere als ein kleiner Hund. Ich spreche übrigens von jener Italienerin. Ihre Besitzerin und Züchterin Adriana nannte ihre Hunde nach Sternen, und ihr Zwinger hieß eben Geminorum. Wir hatten auch einen Hund von Adriana, meinen guten alten Nono. Er gehörte zu Adrianas N-Wurf und hieß mit vollem Namen Geminorum Northern Crown. Adriana hat das mit den Sternennamen für Hunde also weit vor J.K. Rowling erfunden. Auch Rigel und Aldebaran waren Namenspatronen für einen Geminorum-Hund. Was ich nicht weiß, ist, ob Adriana auch zwei Hunde auf Castor und Pollux taufte, denn das läge bei Geminorum ja nun nahe. Sie heißen auch Alpha und Beta Geminorum. Man nennt den hellsten Stern eines Sternbilds Alpha mit Vornamen, den zweithellsten Beta usw. – und stellt dazu die Genitivform des lateinischen Namens des jeweiligen Sternbilds.

Eifrige Hitchhiker-Fans werden nun vielleicht an Alpha und Beta Centauri denken. (Diese beiden helfen einem übrigens, zusammen mit dem Kreuz des Südens am Südhimmel … nun ja … eben Süden zu finden. Aber das ist eine andere Geschichte.) Alpha Centauri ist der unserer Sonne am nächsten gelegene Stern. Das macht ihn zu einem der hellsten Sterne des Nachthimmels. Andere Sterne sind viel heller und größer, aber eben auch weiter weg. Dieses Schaubild hier zeigt die Größenverhältnisse einiger Sterne. Zufälligerweise sind die meisten Sterne dabei, die ich hier in diesem Text nenne. Die Graphik macht mich regelmäßig meschugge. Wenn man sich vor Augen hält, dass der größte Stern einer Reihe auch der Kleinste im folgenden Bild ist und sich jeweils die Erde daneben vorstellt …

Als ich anfing, den Dezemberhimmel von meinem Balkon zu studieren und meiner brennend interessierten Freundin die Sternennamen vorzubeten, machte ich einen Fehler. Ich wusste, dass der hellste Stern westlich von Orion Aldebaran ist, das Auge des Stiers. Aber der gleißende Stern dort war nicht Aldebaran, denn das war der nächsthellere Punkt daneben.

Die Rechte an Tim und Struppi liegen bei der Hergé-Stiftung: tintin.com

In „Der geheimnisvolle Stern“ entdeckt Tim einen neuen Riesenstern im Großen Wagen. Dieser Stern wird im Comic immer größer, ebenso wie die Hitze. Tim muss sich ungefähr so gefühlt haben wie ich, als ich diesen neuen Riesen im Stier entdeckte. (Neidische Kommentare bitte unten posten!) Bei Tim und Struppi bricht Angst vor dem Weltuntergang aus, weil Astronomen ausrechnen, dass der Stern ein Asteroid ist, der die Erde treffen wird (Tim muss sich ungefähr so gefühlt haben wie ich am 21. Dezember). Der Stern verfehlt aber die Erde, der Weltuntergang bleibt aus (Tim muss sich ungefähr …), und nur ein Brocken des Asteroiten fällt ins Nordpolarmeer. Tim und Haddock brechen nun auf eine Expedition dorthin auf und zwar an Bord der … Sirius!! Und ich frage Euch nun, ob das noch Zufall sein kann!

In „Der Sonnentempel“ nutzt der von Inkas gefangengenommene Tim eine Sonnenfinsternis, um sich als Herrscher der Sonne aufzuspielen. An einen Scheiterhaufen gefesselt, spricht er „magische Worte“, mit denen er den Mond vor die Sonne treten und diese verdunkeln lässt. Die panischen Inkas tun in der Folge alles, was er sagt. Mal sehen, ob ich meine Freundin ähnlich beeindrucken kann, wenn heute nacht der Mond mit dem neuen Stern im Stier ringt: „Oh Mond, höre auf Deinen Gebieter und trete vor den neuen Stern im Stier und packe ihn bei den Hörnern, auf dass die Erde verschont werde und Stine, Hohepriesterin der dankbaren Menschheit, mir Steaks brate und gekühlten Cider an den Pool bringe!“ (Neidische Kommentare bitte unten posten.) Dummerweise war Stine vor ein paar Tagen im Kapstädter Planetarium dabei, als ich das mit Jupiter und dem Mond hörte. (Ob aus Interesse oder weil es sooooo heiß war und das Planetarium über Aircondition verfügt, kann ich nicht sagen.)

Ob im Pool in Kapstadt oder im Schneematsch in Hamburg und Berlin (neidische Kommentare bitte …), man kann also heute Nacht am Himmel sehen, wie die riesige Mondscheibe neben und vor Jupiter treten wird. Denn niemand Geringeres ist der gleißende Punkt, der seit Tagen im Stier steht. Kleiner daneben sieht man dann Aldebaran als hellsten Stern des Stiers. Und jetzt gucke man sich nochmal Jupiter, Aldebaran und den Mond auf dem Schaubild oben an.

So, jetzt mal aufzeigen, wer alle genannten Namen auswendig richtig zuordnen kann? Ich weiß, es geht. Wenn man mit etwas Neuem anfängt, stellt man wenig später erstaunt fest, wie viel hängenbleibt. Vor Kurzem sollte ich mir einen Namen für ein Space-Invader-mäßiges Onlinespiel überlegen. Englisch und weltweit verständlich sollte er sein. Space-mäßig und natürlich griffig. Wie immer bei solchen Jobs blieben einige persönliche Favoriten auf der Strecke. Kalauer wie „Mars Destruction“ und „Mars Murder“. Viele Sternennamen eigneten sich auch gar nicht. „Zuben-el-dschenubi“ oder „Formalhaut“ klingen einfach nicht nach einem Shooter-Game. Ich mochte auch „The Battle of Betelgeuse“, „Halley’s Combat“ und „Sirius Damage“.

Leider waren die nicht wirklich universal verständlich.