Die „Hamburg Freezers“ sind vermutlich perdu. Erst ging der „HSV Handball Hamburg“ während der Saison konkurs, dann das Frauenvolleyballteam VT Aurubis und jetzt die himmelblauen Kühlschränke. Außerdem stehen die Cyclassics vor dem Aus und Olympia wurde auch abgewählt. Von den Titelseiten der großen Zeitungen bis in unzählige Kommentare auf facebook kann man lesen: Die Sportstadt Hamburg ist tot.

Mich ätzt dieses Gejammere an. Anscheinend definieren viele Leute die Stellung des Sports in Hamburg nur durch zwei gescheiterte Retortenteams sowie kostenintensive Großereignisse. Dabei hat Hamburg eine reiche Szene gewachsener Sportvereine – darunter viele Bundesligisten.

Ich sehe in Deutschland – was die Popularität von Sportarten angeht, insbesondere gemessen in Zuschauerzahlen – vier Klassen:
1. Klasse: Fußball
2. Klasse: Eishockey, Handball und Basketball
3. Klasse: in Deutschland traditionelle Sportarten wie Hockey und Volleyball
4. Klasse: neue und importierte Sportarten von Football bis Lacrosse

Hamburg ist traditionell eine Fußballstadt mit den beiden großen Klubs. Hamburg ist traditionell eine Hockeyhochburg mit stets mehreren Bundesligisten und vielen Meistertiteln. Und Hamburg hat eine große Tradition in den importierten Sportarten: Die Stealers spielen seit 1991 Baseball-Bundesliga (Meister 2000). Im Football waren es lange Jahre die Blue Devils (Meister 1996, 2001, 2002, 2003) und sind es nun die Huskies. Im Rugby sind mit St. Pauli und dem Hamburger RC zwei Klubs erstklassig. Im Cricket sogar drei. Hamburg hat Bundesligisten im Floorball (ETV Eimsbüttel PiranHHas) und Lacrosse (HTHC Warriors, Meister 2008) sowie den Serienmeister im Futsal (Hamburg Panthers). Von Petanque und Schach (HSK – zweitältester Schachverein Deutschlands) fange ich gar nicht erst an.

Nur die zweite Klasse hat es in Hamburg schwer – bzw. haben die gescheiterten Teams gezeigt, dass es in Hamburg dafür (zu) wenig Potential gibt. Das ist nichtmal ungewöhnlich.
In Köln regieren Fußball und Eishockey. Basketball hat dort das gleiche Schicksal erlitten wie hier der Handball: ein erfolgreiches Team (RheinEnergie Köln, 2006 Meister), aber es ging konkurs. In München kamen lange Zeit keine Teams an den beiden Fußballvereinen vorbei. Erfolgreiche Eishockeyteams mussten ihren Spielbetrieb einstellen (EC Hedos, Meister 1994, dann konkurs; München Barons, 2000 Meister, 2002 eingestellt). Nun versucht es Red Bull mit Eishockey (Meister 2016) und der FC Bayern mit Basketball (Meister 2014). In Frankfurt gibt es neben zwei Fußballvereinen nur die Basketball-Skyliners (auch Retorte, Meister 2004), nachdem die Eishockey-Lions (Meister 2004) im Jahr 2010 konkurs gingen. Nur in Berlin, der Riesenstadt mit dem unzulänglichen Fußballbundesligisten, gibt es eine Vielzahl weiterer Profiteams (Fußball, Eishockey, Basketball, Handball, Volleyball etc.).
Die kleineren Sportarten gedeihen da, wo sie beliebt sind. Nicht da, wo man damit Geld verdienen will. Und es ist ja auch nicht so, als gäbe es nach dem Freezers-Aus kein Eishockey mehr in Hamburg: Sportlich wäre nun der Oberligist Crocodiles, damals Gründungsmitglied der 2. Bundesliga, die Nr. 1 der Stadt.

Die Freezers haben laut einem Beitrag des Hamburger Abendblattes jährlich rund 3 Mio. Miese gemacht. Insgesamt wohl 54 Mio. Euro. Das wollte der Besitzer, die Anschütz Entertainment Group, eben nicht mehr zahlen. Seit 2011 habe man einen Käufer gesucht, aber niemand wollte. Eishockey ist kostenintensiv: teure Halle, großer Kader und weite Fahrten, weil die meisten Teams im Süden sitzen.
Ich habe viele Kommentare auf facebook gelesen, in denen die Menschen schimpfen, man dürfe sich nicht von einem einzigen Investoren abhängig machen. Ich glaub, mein Schwein pfeift. Die Freezers haben sich nicht „abhängig gemacht“. Sie sind von diesem „Sponsor“ erfunden worden.Sie waren ein Produkt eines internationalen Entertainment-Riesen. Und der hat nach 14 Jahren eben keinen Bock mehr draufzuzahlen. In den ersten Jahren gingen über 10.-11.000 Menschen zu den Freezers-Spielen. Seither waren es unter 10.000. Anscheinend reicht das nicht, um profitabel zu sein.
Ich würde vermuten, dass in den ersten Jahren sehr viele Freikarten verschenkt wurden, um Leute in die Halle zu kriegen. Hamburg hat eben keine große Eishockey-Tradition. Die Freezers sind das erste Erstliga-Eishockeyteam in Hamburg seit den 50ern gewesen. Seitdem spielten hin und wieder mal Hamburger Vereine dritt- oder zweitklassig. Woher sollen (dauerhaft) 10.000+ Eishockeyfans kommen?

Ein bisschen anders müsste das ja beim Handball sein, dem Nationalsport nördlich der Elbe. Aber auch der Handball scheint in Hamburg keine große Historie zu haben. Die ewige Bundesligatabelle weist jedenfalls – außer den 13,5 Jahren HSV Handball – nur 10 Jahre HSV und ein Jahr des SV St. Georg auf. Der echte HSV spielte in den 60ern und 70ern Erstligahandball. Seitdem scheint nicht viel los gewesen sein. (Interessant, dass München beim Eishockey eine ähnliche Rolle spielt: Das Umland Eishockey-Hochburg, die Metropole schafft es nicht, einen großen Verein aufzubauen.)

Beide Teams, die in dieser Saison abnibbelten, wurden 2002 aus dem Boden gestampft, als die Color Line Arena (jetzt Barclaycard Arena) gebaut worden war. Beide Teams waren nichts anderes als Hallenfüller.
Die Freezers gehören der oben genannten AEG, die seit 2007 auch Besitzer der Halle ist. Anschütz hatte einige Jahre zuvor die DEL-Lizenz des Traditionsvereins EV Landshut gekauft und versucht, in München ein Profiteam zu etablieren. Trotz dreier sehr erfolgreicher Jahre (einmal Meister) zog man es bei Anschütz vor, in eine größere Halle zu ziehen – nach Hamburg.

Der „HSV Handball“ kam ebenfalls aus dem Nichts. Man kaufte sich die Lizenz des Traditionsvereins VfL Bad Schwartau und Logo und Namen vom HSV. Ich habe den Handball nicht so sehr verfolgt wie Eishockey, aber der Wikipedia-Eintrag zum „HSV Handball“ lässt ahnen, dass bei der Installierung des Teams auch rein wirtschaftliche Interessen am Werk waren. (Jedenfalls wurde der erste Besitzer des Teams wegen Betrug und Untreue verurteilt, woraufhin die damalige Betreibergesellschaft des HSV Handball Insolvenz anmeldete.)

Wie geneigte LeserInnen bis jetzt gemerkt haben dürften, bin ich derartigen Retortenteams eher abgeneigt. Eher sehr stark abgeneigt. Sportteams sind für mich Vereine. Vereine, die von Leuten gegründet und geführt wurden, die den jeweiligen Sport lieben. Vereine, denen die Fans beitreten (können). Vereine, denen die Fans seit Generationen anhängen. Vereine, die für einen Teil ihrer Fans zum Wichtigsten überhaupt gehören. Mit solchen Vereinen sympathisiere ich – ich leide mit ihnen.
Wo eine Sportart bzw. ein Verein beliebt ist, gibt es Potential. Der Verein steigt in die höheren Spielklassen auf. Je nach Sportart spielen diese Teams voll oder semi-professionell, und wo professionell gespielt wird, da müssen auch die entsprechenden Strukturen gegeben sein. Meine Sport-Romantik geht nicht so weit, dass ich die Gründung von SpielbetriebsGmbHs ablehnen würde oder leugnen, dass Profiteams Geld machen müssen.

Aber Retortenteams sind – zunächst – reine, seelenlose Geldmaschinen. Gewinnorientierte Entertainment-Unternehmen. Und ich wünsche ihne alles Schlechte. Ich kann keine „Fan“-Bindung zu sowas aufbauen. Niemand würde sich wohl „Stage Entertainment“ eintätowieren lassen oder einen „Warner Bros“-Schal tragen?

Natürlich muss man differenzieren. Alle US-Teams sind reine Entertainment-Betriebe. Und auch mein FC war einmal, was ich heute ein Retortenteam nennen würde. Hier macht die Historie für mich den Unterschied. Die großen Teams und Ligen der USA wurden in einer anderen Zeit gegründet, als das Entertainment noch nicht so durchkommerzialisiert war. Auch gibt es das Aufstiegssystem nicht, weswegen Sportvereine nicht um nationale Titel spielen, sondern nur die kommerziellen Profiteams. Aber auch da gibt es Unterschiede: Einer der bundesweiten Fan-Lieblinge sind die Packers aus der kleinsten NFL-Stadt Green Bay. Die Packers sind eines der ältesten Teams, historisch das erfolgreichste und das einzige US-Profiteam, das nicht einem Unternehmen gehört, sondern der Gemeinde, also allen Menschen von Green Bay. (Außerdem: Auch in Nordamerika gibt es solche und solche Teams. Die Eishockey-Retortenteams aus dem Süden können mir genauso gestohlen bleiben wie die Freezers.)
Auch beim 1. FC Köln lasse ich den Geschichtsjoker zählen: Man wollte in den 50ern mit einem Kölner Verein um die Deutsche Meisterschaft mitspielen. Anders als in anderen Großstädten hatte kein Kölner Verein die anderen abhängen können und keiner konnte es mit den damaligen Topteams aufnehmen. Also fusionierte man Klubs, um ein konkurrenzfähiges Team zu haben. Der Unterschied zu den Freezers? Im Köln der 40er und 50er waren Fußballverrückte am Start, die ihre Stadt liebten (darunter mein Großvater). Im Hamburg der 90er versuchten ein amerikanischer Konzern und ein finnischer Investor, Geld zu verdienen.

Aber auch in Hinsicht auf die Freezers muss man genauer hingucken: Ich respektiere das Team und die sportlichen Verantwortlichen der Freezers nicht weniger als die anderer DEL-Klubs. Ich kann auch verstehen, dass die Fans der Kühlschränke ihre Jungs lieben und junge Menschen eben nichts anderes kennen als das Team mit dem irreführenden Claim „der Norden sind wir“.

Aber wenn man sein Herz an einen Konzern bindet, darf man sich eben nicht wundern, wenn das Herz bei Verlusten durch den Verlust des Teams gebrochen wird. Man suche sich einen echten Verein und das wird so nicht passieren. Natürlich kann so ein Verein auch konkurs gehen. Aber dann tun alle im Verein ihr Möglichstes, dass das nicht geschieht. Dann meldet man vielleicht auch die Profimannschaft ab, aber der Verein lebt weiter. Dann unterstützt man seinen Verein eben in der Bezirksliga.

Wer nun sagt, er will keine Bezirksliga gucken, der will sich anscheinend nur unterhalten lassen vom Profi- bzw. Erstligasport. Ich weiß nicht. Es ist kompliziert. Ich vermag nicht, genau zu formulieren, warum ich es ablehne, ein Retortenteam anzuschauen. Der Kern ist, glaube ich, dass Sport ein Wettkampf ist und keine Show. Beim Eiskunstlauf kann man der Ästhetik wegen zuschauen. Beim Teamsport geht es um das Gewinnen. Außerdem noch um die Einstellung, die Attitüde. Selbst der FC Barcelona ist etwas anderes als die Harlem Globetrotters.

Und es geht um Identifikation. Der FCK ist die Pfalz, Energie Cottbus die Lausitz und Frisch Auf Göppingen ist Göppingen. Die Freezers sind nicht der Norden. Sie sind ein gescheitertes Investment. Man kann zu RB Leipzig gehen und sich als Leipziger freuen, dass endlich wieder Erstligafußball in der Stadt zu sehen ist.

Aber warum?

Man guckt das ja nicht wie Ballett oder einen Kinofilm. Was haben die Leipziger mit Red Bull zu schaffen? Und umgekehrt? Ist das ein Leipziger Klub, der Leipzig vertritt? Verbindet irgendjemanden in Leipzig etwas mit dieser Organisation? Ich würde nicht verstehen, wenn es jemand tut. Und doch singt der Urleipziger Sebastian Krumbiegel mit dem Gewandhauschor „RB Leipzig – mein Verein“. Verein? Die Institution, die u. a. dafür bekannt ist, dass man keinen Wert auf Mitgliederzuwachs legt? (Die Zahl der ordentlichen Mitglieder wurde zuletzt auf sagenhafte 17 erhöht.) Die Institution, die den Traditionsverein SV Austria Salzburg einfach auslöschte? Das ist, als kaufte Coca-Cola die Rechte am Nikolaus und nannte ihn fortan Santa.

Wie auch immer. Vielleicht bin ich auch zu verbohrt. Anscheinend gibt es Leute, denen es egal ist, wem sie da zuschauen. Und dass Selbstironie dazugehört, Fan von einem Verein namens Rasenballsport zu sein, sollte mir auch imponieren. Als ich in Kopenhagen lebte und mich für einen der beiden großen Vereine entscheiden wollte, fiel mir das schwer. Brøndby ist ein Vorstadtklub. Was hatte ich damit zu tun? Der FC København ist ein Retortenteam nach dem Muster des 1. FC Köln, aber eben aus den 90ern, auch ein Profitunternehmen. Ein prominenter, intellektueller Fan nannte den FCK den „Klub der Individualisten“. Eigentlich sollte mich das reizen, aber letztlich konnte mich beides nicht überzeugen. Ich mochte aber den früheren Rekordmeister B.93 aus dem Bohème-Stadtteil Østerbro, auch wenn der nur unterklassig spielt.

Ich scheiße auf diese modernen Retortenteams. Ein anderer Schnack sind aber zum Beispiel die Hamburg Towers – nunmehr der wohl drittbeliebteste Profiverein der Stadt. Auch die Towers wurden aus dem Nichts gegründet. Aber ihre Geschichte ist die von Menschen mit Leidenschaft für ihren Stadtteil und ihre Sportart.
Bei den Freezers war sich die kleine Hamburger Eishockey-Szene anscheinend nicht einig, ob sie Fluch oder Segen waren. Manche sagten, sie nähmen den kleinen Vereinen die Fans und somit die Chance auf Wachstum. Andere sagten, die Freezers erzeugten überhaupt erst ein weites Interesse an Eishockey in der Eishockey-Diaspora.

Vielleicht zeigt sich nun, dass das gar nicht so falsch war. Der langjährige Kapitän der Mannschaft, Ex-NHL-Spieler Christoph Schubert, kämpft dieser Tage für den Erhalt des Teams. Und auch die von mir so geschmähten Freezers-Fans stecken mehr Herzblut in die Angelegenheit, als ich ihnen zugetraut hätte. Sie sammeln sogar Geld per Crowdfunding und haben wenige Tage vor der Deadline über 200.000 Euro gesammelt, um das Aus abzuwenden.

Ich bin tief beeindruckt, aber ein bisschen frage ich mich dabei auch, ob man denen ins Hirn geschissen hat. Ein Konzern stellt den Betrieb seines Teams ein, weil es nicht rentabel ist, und die Leute, die ohnehin schon teure Tickets kaufen, schmeißen denen noch weiter ihr sauer verdientes Geld in den Rachen? (Man könnte der AEG auch anbieten, dass sie die Ticketpreise um 50% anheben dürfen. Dann würden die sich das vielleicht überlegen.) Die wollen letztlich 3 Mio sammeln, um ein Profiteam über eine weitere Saison zu hieven? Um einen Käufer zu finden, den der bisherige Besitzer in 5 Jahren nicht finden konnte? Einen Käufer, der Bock hat, in Zukunft 3 Mio. im Jahr zu verpulvern? Mit dem Geld könnte man einen echten Eishockeyklub aus der Taufe heben.

Liebe Freezers-Fans, wenn Ihr klug seid, gründet Ihr einen himmelblauen Verein namens „EC Tiefkühltruhe Hamburg“ – und die Freezers gehören Euch ganz allein! Dann kann keine AEG Euch Euer Team nehmen. Nichts anderes haben 1995 die Fans des insolventen EC Wolfsburg gemacht. Deren aus einem Fanclub hervorgegangener Verein ist heute ein Euch nur zu gut bekanntes deutsches Spitzenteam.

Beim „HSV Handball“ sind sie da schon weiter als beim Eishockey: Mit den langjährigen Schlüsselfiguren Martin Schwalb und Torsten Jansen an der Spitze tritt man nun ohne HSV-Logo als „Handball Sportverein Hamburg“ in der dritten Liga an. Ein echter Verein von Menschen, die … Ihr wisst schon: Sport und Stadt lieben.

Die Sportstadt Hamburg ist tot. Es lebe der Sport in der Stadt Hamburg.

 

PS: Egal, was mit den Freezers passiert – nächste Saison spielen die Hamburg Crocodiles – früher auch mal ein Retortenteam – semi-professionelles Eishockey in Hamburg. Wir sehen uns dort.