Ich rülpste und sagte: „Cola, halt.“

Und was soll ich sagen: Ich hatte recht.

Es war die neunzehnte und letzte Probe dieses Blind-Tastings. Im Vergleich zu vielen anderen schmeckte diese letzte Probe einfach nur noch nach Cola. Enttäuschend. Hatte dieses Tasting denn gar keine Erkenntnisse gebracht?

Cola Testen Geschmack bio

„Was glaubt Ihr denn, was die Coke war?“, fragte mein Gastgeber – Jan – mich und Julia, die Probanden. ‚DIE Coke.‘ Klar, es gibt halt die eine und einzige Coke. Die mit den Eisbären und dem Weihnachts-Truck. Aber schmeckt man das auch? Ich blickte auf meine Tasting-Notizen, rülpste und sagte:

„Nummer 2 oder 11. Die schmeckten beide gleich: einfach nur süß und standard.“

Anerkennendes Nicken von Jan, dem Hüter des Cola-Nummernschlüssels. Ich hatte zielsicher die Coke genannt. Und die Pepsi. Beide einfach nur süß und standard. Es gibt eben doch nicht die eine und einzige Coke. Es gibt den süßen, pappigen, öden Standard. Und der lässt sich im Vergleich ganz gut erschmecken.

Und was noch? Süßstoff. Widerlich. Der Süßstoff zeigte stets unverkennbar seine metallischen Geschmack, egal ob Light, Zero oder Stevia. Wobei: Stevia war tatsächlich leicht weniger widerlich.

Damit waren nun also sieben Colen in drei Gruppen identifiziert:

  1. Standard-Geschmack
    (2: Pepsi und Coke)
  2. voll-ekliger Süßstoff-Geschmack
    (4: Coke light, Coke Zero, Pepsi light, fritz light)
  3. leicht-ekliger Süßstoff-Geschmack
    (1: fritz-kola stevia)

Übrig blieben drei weitere Gruppen:

  1. die öko-igen Pseudo-Colas
  2. die leckeren Kräuter-Colas
  3. die nicht zu süßen Standards

Beginnen wir mit den letzteren: Geschmacklich eben Standard-Cola, aber weniger süß und ein bisschen saurer. Dem geneigten Hamburger Trendfolger werden diese Worte bekannt vorkommen. Es ist nämlich in ungefähr das, womit fritz-kola seine Brausen bewirbt. Wer die sagenumwobene Entstehungsgeschichte der fritzen kennt (oder zu kennen glaubt), den wird nicht wundern, dass die afri-cola in die gleiche geschmackliche Kategorie fiel – zumal es die neue afri25 war, die Nostalgie-afri – und wenig anderes ist die fritz ja ihrerseits.
Nebenbei noch ein Tipp für alle Fans von afri und fritz: Die Cola von ja! schmeckt ganz ähnlich: ‚trocken im Abgang‘.

Wenn ich bislang einen Geschmack als ‚Standard-Cola‘ beschreibe, … was heißt das eigentlich? Schwer zu sagen. „Cola, halt.“ Wer weiß schon, wie die Kolanuss pur schmeckt … Wenn man Cola also anders beschreiben könnte als ‚Cola‘, wäre es ja irgendwie auch nicht Cola. Sondern ‚Zimtbrause‘ oder ‚Korianderlimo‘. Und dann gäbe es wohl auch kein Calippo mit ‚Cola-Geschmack‘.

Nun hat man ja nun – zumindest historisch – den Cola-Geschmack aus Kräutern gewonnen. Beziehungsweise aus ‚Pflanzenauszügen‘. Ich würde ja selbst gerne Cola machen. (Und Fassbrause.) Das muss ja irgendwie möglich sein: einen Pflanzen- und Kräutersud kochen und mit Wasser, Zucker und Kohlensäure auffüllen. In etwa so, wie zwei Hamburger es mit einem hippen, handgemachten Tonic-Sirup machen. (Denn wer will einen fancy Gin schon mit Schweppe’s mischen?)
Cola machen kann also nicht so schwer sein. Wie steht es also nun mit den kräuterigen, organischen Bio-Colas? Nun … manche schmecken nach Cola, andere nicht.

Am wenigsten wie Cola schmeckt „die andere Cola“ von Bionade. Die schmeckt nämlich nach Bionade. Was schade ist.
Was ich an Bionade ja großartig finde, ist, dass sie fermentiert ist. „Gebraut“, wie es in einem Promo-Video heißt. Die köcheln nicht einfach Gewürze wie andere Leute Kartoffeln. Die brauen Limonade! Oder eben Cola – mit ‚grünem Kaffeebohnen-Kräuter-Extrakt‘. Leider schmeckt das dann auch so. Bionade kann ich als ‚Kräuter‘ oder ‚Ingwer-Orange‘ ja ganz gut ab. Aber als Cola?
Einen ähnlich säuerlich-fermentierten Geschmack hat übrigens die now-Cola von Lammsbräu. Sie schmeckt nicht schlecht, ist aber auch kein Volltreffer.

Besser machen das die Colas von Fentiman’s. Die bezeichnen ihre Produkte auch stolz als ‚Botanically Brewed Beverages‘ (zum Beispiel Dandelion & Burdock – also Löwenzahn und Klette – was schmeckt wie Kinderzahnpasta und eben quasi Rootbeer ist). Auf deren Site beschreiben sie das mit dem ‚botanically brewed‘ so:

Botanical brewing is a simple process involving herbs and plant roots. Thomas Fentiman’s original recipe involved milling ginger roots before tumbling them into copper steam jacketed pans and leaving them to bubble and simmer releasing all their flavour. The finest herbs, natural flavourings, sugar, brewer’s yeast and fresh spring water were then added to the liquid which was transferred into wooden vats where it was left to ferment. The liquid went on fermenting after it was bottled and corked in the old stone jars where it would fully mature and be ready to drink by the end of the week. Our production processes have been updated through the addition of mild carbonation to replace the carbon dioxide lost during pasteurisation, which gives the product a longer life.

Leider (?) heißt das im Prinzip nur, dass ein bisschen Brauhefe ein bisschen Zucker fermentieren darf. (Und das heutzutage dann auch durch Pasteurisierung gestoppt wird, weswegen man Kohlensäure hinzufügen muss.) Also nichts anderes als mein hausgemachtes Gingerbeer (ohne Pasteurisierung, denn die leichte Fermentation ist ja ohnehin nur dazu da, Kohlensäure entstehen zu lassen). Keine Hexerei. Und wenn ich das richtig verstehe, beschreibt dieser Text auch überhaupt nur die Herstellung von Gingerbeer, welches das Stammprodukt von Fentiman’s und die Grundlage aller ihrer Limonaden ist.
Die Bionade-Leute machen da was Spezielleres. Mit diesen Pilzen, die der alte Rhöner Brauer in der Badewanne gezüchtet haben soll. Naja, die Cola von Fentiman’s schmeckt dafür wenigstens.

Oder genauer: die Colas von Fentiman’s. Sie haben Curiosity Cola und Cherrytree Cola. Beide sehr lecker. Die Cherrytree scheint einer Kooperation (aka Marketinggag) von Fentiman’s mit Cherrytree Records zu entstammen. Wer Kirschcola mag, findet hier also eine Alternative zur Cherry Coke. Die Curiosity Cola erinnerte mich beim Blind-Tasting an Weihnachten, schließlich ist sie sehr zimtig.
Das kirschig-zimtige Mainstream-Pendant ist übrigens Dr. Pepper, die neben der Bionade die einzige Cola war, die so unverkennbar schmeckte, dass wir sie schon beim Blindtasting einwandfrei identifizieren konnten.

Also verdammt lecker, diese fruchtig-fermentierten Weihnachtscolas. Aber doch etwas zu special, um Sieger dieses Tastings zu sein. Das wäre wie Sahne zur besten Milch zu küren.

Zum Glück gab es da noch zwei sehr leckere Stöffchen. Bei beiden schrieb ich, dass sie die Red-Bull-Cola sein könnten, und Dinge wie: ‚Gewürze, Vanille, sauer, leicht bitter, zitronig.‘ Diese beiden schaffen es irgendwie, aus Pflanzen und Kräutern eine Cola zu machen, die nach Cola schmeckt und deutlich mehr Nuancen bietet als die Standard-Plörre.

Eine davon war natürlich die Red-Bull-Cola. Die andere nennt sich isis bio fresh. Sie wird von der BEUTELSBACHER Fruchtsaftkelterei in der „trendigen Longneckflasche“ vertrieben. Für den „klassischen“ Cola-Geschmack „extrahiert“ Beutelsbacher Limetten, Vanilleschoten, Zimt, Muskat- und Colanüsse. (Wie sie wohl die Nüsse extrahieren?) Weiter heißt es: „Die brasiliansiche Liane Guarana aus dem Amazonas liefert durch die in den roten Früchten enthaltene Samen das anregende Koffein.“ Und wer noch weiter liest, erfährt:

Der wiederverschließbare Schraubverschluß hält das Getränk frisch. Außerdem ist er besser fürs Autofahren geeignet und eine Hilfe gegen unerwünschte Insekten im Sommer. Schluck für Schluck ein Beitrag für das tägliche Wohlbefinden ob beim Sport oder im Büro, in der Freizeit oder im Beruf.

Perfekt. Eine echt leckere Bio-Cola. Und das Package-Design ist so bescheiden, dass sie nicht mal hipp ist.

Das befreite mich auch aus einem tiefen Dilemma. Die RedBull-Cola, die nun von Herstellung, Geschmack und Attitude so gar nichts mit RedBull zu tun hat, die mochte ich schon immer gerne. Aber ich mag RedBull nicht.
Den Ausverkauf des Fußballs möchte ich nicht mitfinanzieren. Dass ich bislang doch hin und wieder über meinen Schatten sprang und eine RedBull-Cola kaufte, rechnete ich mir bislang gerne als Zeichen meiner Fähigkeit an, mich nicht von meinen eigenen Dogmen beherrschen zu lassen. Ab jetzt kann ich das wieder tun! Denn ich kann die völlig korrekte isis von BEUTELSBACHER kaufen und kriege etwas ähnliches, sehr leckeres.

Fahr zur Hölle, Coke! Bleib in der Schanze, fritz! Erstick am Geld, RedBull Cola, Du Wolf im Schafspelz! Ich wechsle jetzt zu isis!!!

verschiedene Colas

 

Wer noch mehr probieren möchte:

 

 Hier eine Übersicht der blind-getesteten Colas in der Reihenfolge des Probierens.
Notizen wurden on the go gemacht, die Noten vergeben, nachdem wir alle probiert hatten, aber bevor die Marken aufgelöst wurden. (Welche Marken dabei waren, wussten wir allerdings.)

Nummer
original Geschmacksnotizen
Cola
Note
 1  würzig, sauer, flach  Bionade  4
 2  kaum Geruch, Zucker, Standard  Pepsi  3
 3  leicht würzig, Süßstoff, fruchtig  fritz light  5
 4  Zimt, Blendi, Gewürze, Kardamom  Cherrytree  2
 5  kaum Geruch, flach, trocken im Abgang  ja!  3+
 6  würzig, säuerlich, fermentiert, bitter, trocken  now  3
 7  Süßstoff (fritz light? Stevia?)  Coke Zero  5
 8  Gewürz, staubig, Brause  fritz  2+
 9  leicht süßstoffig, krass süß, Standard  Pepsi light  4
10  Gewürz, Vanille, RedBull, sauer  RedBull  1
11  Süß, Standard  Coca-Cola  3+
12  fritz light? trocken, leicht süßstoffig, würzig  fritz stevia  3
13  fritz/afri, trocken, minimal süßstoffig, ok  afri  2-
14  Zitrone, Süßstoff, süß, blumig, Karamell  fritz light  4
15  Weihnachten, süß, Zimt  Curiosity  2
16  Süßstoff, Standardl  Coke light  5
17  Gewürz, leicht bitter, zitronig, RedBull  isis  2+
18  Kirsch, Dr. Pepper, Blendi  Dr. Pepper  3+
19  ???  fritz  2-

 

Anmerkungen:

Um unsere Geschmacksknospen zu testen, verabreichte uns Jan die fritz (8, 19) und die fritz-light (3, 14) je zweimal (ohne dass wir das gewusst hätten). Ich bin mit meinen Knospen ganz zufrieden, da ich sowohl bei den Geschmacksnotizen als auch bei der Benotung recht konstant war. Nur bei der 19. und letzten Probe … da war ich offensichtlich durch.

Auch sonst war mein Geschmack unbestechlich: Süßstoff stest rausgefiltert, Coke und Pepsi entlarvt, Bionade und Dr. Pepper identifiziert, afri und fritz korrekt geclustert, bisheriger Favorit RedBull erkannt. Ich würde die Noten im Nachhinein nicht ändern.