Ich hatte sie vorgewarnt. Bälle seien meine natürlichen Feinde, hatte ich gesagt, aber ich wolle dieses Cricket eben unbedingt probieren. Ich sei sicher besser bei den Anonymen Zappelphilippen aufgehoben, aber die hätten eben kein Cricket im Angebot. All das schrieb ich an den Greenpoint Cricket Club. James, der Club Captain, antwortete, mir solle nicht bange sein. Ich solle einfach zu ihren Trainings kommen – oder gleich am Wochenende, sie hätten ein Spiel. Also ging ich an einem Januartag im Sonnenschein hinunter zum Club.

Schon am Abend musste ich in der Bar des Clubhauses nicht einmal mehr sagen, was ich trinke.

Alkohol ist schließlich ein guter Eisbrecher. Als ich also zum ersten Mal das kleine Paradies betrat, das der Club sein Zuhause nennt, nickte ich jedem zu, dessen Blick ich traf, und setzte mich zu zwei Typen an den Spielfeldrand. Bevor eine peinliche Stille eintreten konnte, textete ich sie zu: Wer ich bin, warum ich da war, dass ein gewisser James mich eingeladen habe. Es funktionierte, die peinliche Stille blieb aus. Aber gut, als Ausländer hat man halt was zu erzählen. Die Leute fragen immer nach deutschem Bier und deutschen Autos. Ich antworte stets, dass ich mir aus beidem nichts mache und südafrikanische Weine bevorzuge oder auch einen Gin&Tonic. Und genau den kriegte ich dann auch, als einer meiner beiden Spielfeldrandgastgeber Drinks für uns holen ging. Drinks sind in südafrikanischen Club-Bars billig und ein Hauptgrund dafür, dass die Leute Sportclubs beitreten.

Gin&Tonic gehört für mich zu Cricket wie Pastis zu Boule. Es ist die Drinkessenz des Spiels, congeniales Accessoire der Zuschauer an den Boundarys der Welt. Gin&Tonic erlaubt das ethisch vertretbare Maximum von Empire-Romantik in Kolkata und Kapstadt wie auch an englischen Village-Cricketplätzen. Herren in Weiß auf Grün und unter sommerlichem Blau – und dazu ein Gin&Tonic. Ungefähr wie auf dem Cover des Büchleins „What I love about Cricket“, nur dass dem Gestalter eben bei der Farbe des Drinks ein Fehler unterlaufen sein muss. Was trinkt der Mensch da? Coca-Cola? That’s not Cricket!

Das Buch eröffnete mir vor rund einem Jahr die Welt dieses funny old Game. Ich las es während einer Reise entlang der Garden Route. Ich las von der Poesie des Spiels, dessen Ball-gegen-Schläger-Duelle ihm eine eigene Metrik verleihen. Ich las vom Spirit of Cricket, der sogar ins offizielle Gesetzbuch aufgenommen wurde, denn Cricket hat keine Regeln, es hat Gesetze. Ich mochte, was ich las. Unter anderem schrieb der Autor, ein südafrikanisch-stämmiger Engländer, von seinen eigenen Spielen, in etwa: „Ich bin vielleicht in meinen Vierzigern, aber ich spiele noch immer kompetitives Cricket.“ Ein Sport, den man bis ins hohe Alter ausüben kann, schien mir mit Anfang Dreißig einen Versuch wert. Ein paar Wochen später schrieb ich meine Mail an James.

Ich hatte in dieser Mail nicht übertrieben mit meinem Verweis auf meine Unfähigkeit. Das ein oder andere macht Cricket zum denkbar mindestgeeigneten Sport für mich. Ich mag es, wenn der Ball auf dem Boden bleibt. Ihn zu fangen, wenn er durch die Gegend fliegt, ist für mich ein Unding. (Ich mache dann diese Luftumarmungen, wenn meine Hände beim Fangen weder den Ball noch einander treffen.) Einen durch die Luft schießenden Ball mit einem Schläger zu treffen, schien mir unmöglich. Vielleicht hätte ich Cricket im 17. Jahrhundert spielen sollen. Damals wurde der Ball über den Boden gerollt und mit einem eishockey-artigen Schläger abgewehrt. Nicht nur, dass ich die dritte Dimension nicht hätte berechnen müssen, ich habe auch deutlich mehr Erfahrung mit Eishockeyschlägern. Die Roll-Technik erklärt auch, warum der „Werfer“ heute noch „Bowler“ heißt. Als Cricket Anfang des 20. Jahrhunderts nach Deutschland kam und alles eingedeutscht wurde, sprach man wohl vom „Einschenken” – auch dagegen hätte ich nichts einzuwenden gehabt.

Heute ist die wichtigste Regel, dass der Arm gestreckt bleiben muss. Es gibt also keine Wurfbewegung, wie man sie ganz unwillkürlich machen würde. Endlich etwas, das meinen Bewegungsmustern entgegenkommt. Einen schnellen, platzierten Baseball-Pitch könnte ich nicht. Den Arm wie eine Windmühle zu schleudern, kann ich noch lernen.

Aber Cricket hat noch mehr Vorteile. Man bewegt sich nicht viel. Einen fliegenden Ball im Stillstehen zu treffen, ist eben auch einfacher als im vollen Lauf. Beim Fußball hatte ich immer genug mit meinen eigenen Füßen zu tun. Wie sollte ich da auch noch auf die Wege meiner Mitspieler, meiner Gegner und des Balles achten? Im Cricket stehst du mit dem Schläger parat, siehst den Ball auf dich zufliegen und triffst eine Entscheidung: ihn vorbeilassen, ihn blocken oder ihn spielen. Denn oberstes Ziel des Batsmans ist es, ein paar Holzstäbe, das Wicket, vor dem Ball zu schützen. Wenn man dabei den Ball weit genug wegschlägt, kann man außerdem Runs, also Punkte, erzielen.

Genau wie beim Baseball betonen seine Liebhaber die Kombination von Teamsport und Einzelleistung. Da das Spiel im Grunde auf das Duell Bat gegen Ball reduziert werden kann, steht jede/r Spieler/in selbst seinen/ihren Batsmann und tut sein Bestes, den Punktestand des Teams hochzutreiben. Mir kommt das zupass. Ich habe wenig mehr gehasst als den sauren Spott der eigenen Mitspieler, wenn ich die Annahme ihres Zuckerpasses vermasselt hatte. Beim Cricket kann ich – pardon – mich selbst verarschen.

Die Jungs beim Greenpoint Cricket Club waren sehr viel umsichtiger mit mir als die Blagen auf dem Fußballplatz. Nach meinem ersten Besuch am Spielfeldrand ging ich gleich zum nächsten Training, und sie zeigten mir, wie man bowlt. Ach, ich musste schmerzlich erfahren, wie verkürzt meine Muskeln und Sehnen sind. Aber es waren nicht sie, die schmerzten, sondern die Erkenntnis, dass ich meinen Arm nicht gerade über meine Schulter strecken kann. Und wie soll man da geradeausbowlen? Beim Crickettraining stellen sich ein paar Jungs mit Schläger und Schutzkleidung in eine Reihe von „Netzen“ und der Rest bowlt auf sie. Da ich mit meiner Windmühlen-fehlkonstruktion oft nicht einmal das richtige Netz – geschweige denn den Batsman – traf, ging ich die ersten Wochen zu einem verlassenen Netz und bowlte unermüdlich Ball um Ball auf ein imaginares Wicket.

Dummerweise reicht es nicht, den Ball nur in die richtige Richtung fliegen zu lassen. Es braucht auch viel Speed, um einen solchen Ball überhaupt für den Batsman gefährlich werden zu lassen. Man nimmt also Anlauf und führt am Ende einen lustigen kleinen Tanz auf, der in jenem Windmühlen-Katapult-Wurf endet. Man nennt das „Bowling-Action“, und jeder Bowler scheint seine eigene, oft groteske Version zu haben. Man stelle sich einen Hürdenläufer vor, der mitten im Sprung von Spastiken und Krämpfen gepackt wird. Wieder etwas Beruhigendes: Ich kann dabei kaum dümmer aussehen als die Profis. In der Tat verblüffte mich dieses Foto, das meine Freundin vor Kurzem schoss. Denn dieser Bowler sieht aus wie ich.

Mindestens einmal wird es zumindest kaum so gut ausgesehen haben. Die hilfsbereiten Club-Cricketer kamen in den ersten Wochen immer zu mir, wenn ich am Rande des Trainingsplatzes tapfer rumhampelte, und gaben mir Hilfestellungen und Korrekturen. Bei all den guten Tipps gab es mehr für mich zu bedenken als ich beachten kann, wenn mein Körper erstmal in Bewegung ist. Ich springe mit dem falschen Fuß ab, meinte zum Beispiel einer. Ich versuchte den anderen, verlor dabei die Balance und knallte der Länge nach hin. Keiner lachte. Außer mir. Erste Anfängerdevise: Lächerliche Fehlversuche souverän überlachen!

Das mit dem falschen Fuß stimmt allerdings. Seit ich mit 17 einen Knöchel brach, ist mein rechter Fuß der schwächere. Ich springe seither automatisch mit dem linken Fuß ab und lande auch darauf. So wird das nichts mit Anlauf und Katapultsprung. Einen ordentlichen Speed werde ich mit meinen brüchigen Knochen nicht erreichen. Speed liegt mir auch nicht. Die Boys vom Klub sagen oft zu mir, es müsse auch Bowler wie mich geben. In Südafrika sei Pace ein goldenes Kalb, jeder versuche, der Schnellste zu sein, auch wenn er’s gar nicht kann. Danke. Verarschen kann ich mich wie gesagt selber am besten. Allerdings nicht ganz so gut wie Peter-Pan-Erfinder J. M. Barrie, der sagte, er bowle so langsam, dass er sich, nachdem er den Ball losgelassen hat, zum Spielfeldrand begeben kann, um zuzuschauen, wie der Ball den Batsman erreicht und für das Maximum von sechs Runs über die Spielfeldgrenze geschlagen wird.

Die Alternative zum zu langsamen Fast-Bowling ist es eben, ein nicht zu langsamer Slow-Bowler zu werden. Denn diese Bowler-Gattung bowlt ungefähr bei meinem Top-Speed, nur gleichen sie das geringe Tempo mit allerlei fancy Kniffen und Handgelenkswürfen aus. Das gibt dem Ball einen gefährlichen Spin, der den Batsman überrascht. Ich traue mir durchaus zu, überraschende Bälle zu bowlen. Ich selbst bin es jedenfalls oft.

Ich bowlte also für den Rest des Sommers fleißig in mein leeres Netz, es wurde März, und der Winter kam. Ich war fest entschlossen, die folgende Saison mit dem vierten Team zu verbringen. Letzte Saison haben sie oft nicht einmal genügend Spieler zusammenkriegen können. Ich sagte, ich könne auch nicht weniger Punkte machen als jemand, der nicht existiert. Niemand widersprach.

Also mailte ich James und fragte, was ich mir an Ausrüstung kaufen solle. Die Antwort lautete: „All you need is bat, box.“ Die Feinheiten fremder Sprachen entgehen einem ja oft. Was meinte er mit “box”? Heißt das soviel wie „basta“? Ich fragte nach, aber James verstand nicht, was ich von ihm wollte. „A ball box“, antwortete er. Aha. Ich googelte und fand Schachteln mit sechs Bällen. Aber die Feinheiten fremder Sprachen entgehen einem ja nunmal oft. Ich schickte James einen Link zu einer Ball-Schachtel. „So etwas?“, fragte ich ihn. Diesmal verstand er … und wurde deutlicher. Und ich kaufte dann eine Box zum Schutz meiner „Balls“.

Und der Bat, also der Schläger? James schickte mich zu einer lokalen Bat-Manufaktur. War das nötig? Meinen Fähigkeiten würde jedes beliebige breite Stück Holz gerecht, wenn ich es nur in den Weg des Balles halten könnte. Aber James meinte, Dave, der Hersteller, werde mir schon das Richtige geben, und ich war nur zu gerne bereit, zu investieren, was mir meine liebe Mutter zum Geburtstag hatte zukommen lassen. Jungs und ihr Spielzeug …

Ich habe nun also einen einzigartigen handgemachten Bat. Der Sommer hat längst Einzug gehalten. Das Training hat wieder begonnen. Der neue Coach will neuen Team-Spirit entfachen. Egal ob Touch-Rugby zur Auflockerung (man ließ mich gnädig einen Versuch legen) oder Fielding-Drills, ich nehme all meinen Mut zusammen und ernte freundliche Zurufe der anderen.

Das heißt, ich erntete. Ich kann nicht dauernd frühzeitig von der Arbeit weg und war nun schon seit Wochen nicht mehr beim Training. Mein Freund und Kollege Lasse (der auch ein paar kleine Fehler meinerseits aus diesem Blog codierte und dem hiermit dickster Dank gezollt sei) hat mir ein paar Mal im Park ein paar harmlose Bälle zugebowlt. Ich habe nur wenige erwischt und fühlte mich wieder wie mit Sieben auf dem Fußballplatz. Das vierte Team scheint unerreichbarer als Lasses Bälle. Mein neuester Plan ist, Battingstunden von einem Youngster zu nehmen. Ich werde berichten.