Drei Tage lang haben sie sich kreuz und quer durch ein mexikanisches Freudenhaus gevögelt.

Das ist es, was ich von Jack Kerouacs berühmter Beatgenerationsbibel und Ur-Roadtripserzählung „On the road“ in Erinnerung behalten habe. Das Buch hatte mir 2010 mein damaliger Chef empfohlen, als ich ihm erzählte, dass ich einen Road-Trip vorhabe. Das sei der Klassiker. Der Ur-Road-Trip sozusagen (also von der Odyssee und Goethes Italienischer Reise mal abgesehen). In „On the Road“ jage eine Party die andere, und immer werde es dem Protagonisten nach ein paar Minuten langweilig oder er zerstreitet sich mit seinem aktuellen Gastgeber und haut ab. Mehrfach fährt er sein Gefährt zu Schrott und muss erstmal ein paar Wochen tagelöhnern, bevor er wieder weiterkann. Und am Ende landet er eben in diesem lustigen Bordell, in dem alle nur Party machen und ihn die runden mexikanischen Mädchen alle paar Stunden von der Bar auf ein Zimmer schleifen. Das müsse ich lesen, wenn ich meinen Trip machte. Dann fragte er, wo es hingehe. Bretagne? Toscana? Algarve? „Nach Sachsen“, sagte ich.

Aktuell steht wieder ein Road-Trip an. Und diesmal geht es tatsächlich durch die USA.

Ich bezweifle aber, dass Keruac uns ein Vorbild sein wird. Das liegt schon alleine daran, dass Keruacs Protagonist Sal Paradise, wenn ihn der Affe biss, gleich immer in den fernen Westen peste. Wir bleiben im Osten. Mehr Zeit hätten wir zwar, aber nicht mehr Geld, schließlich sind wir formal gesehen arbeitslos. Das hinderte zwar keinen Paradise, aber meine Freundin und ich sind ja auch eher der Typ Sachsen. Nicht umsonst führten uns bisherige Urlaube nach Hiddensee, Helgoland und Harzburg. Und im Gegensatz zu Paradise möchte ich gerne verhindern, kaputte Autos und verstörte Liebhaberinnen auf dem Weg zurückzulassen.

Reiseberichte, Reiseführer, Romane

Reiseberichte, Reiseführer, Romane

Also suchte ich andere Vorbilder. Unser Trip wird nicht Beat-Generation, sondern eher der alternde Steinbeck oder Bill „I’m a stranger here myself“ Bryson. Beide haben die kompletten USA durchfahren, und ein Buch darüber geschrieben. Steinbeck wollte 1962 „sein Amerika“ nochmal erleben, bevor es ihn hinrafft. Er baute einen Pick-Up zum Wohnmobil aus und nannte es Rocinante. Begleitet von seinem Pudel Charley fuhr er damit kurz vor seinem Tod von Long Island aus los und mäanderte sich sinnierend durchs Land. Bill Bryson wollte 1989 „sein Amerika“ nochmal erleben, nachdem er jahrelang in England gelebt hatte. Er hatte keinen Hund und auch kein Wohnmobil, sondern kehrte in B&Bs ein. Dafür knötert er herrlich miselpriemig und in einem schnelleren Rhythmus als Steinbeck. „The kind of book Steinbeck might have written if he’d traveled with David Letterman instead of Charlie the Poodle“, schrieb das New York Magazine.

Steinbeck untertitelte sein Buch „In Search of America“, Bryson „Travels in Small-Town America“. Stine und ich machen gewissermaßen beides und fahren Steinbeck und Bryson nach. Das war die Idee. Einen ganz eigenen Road-Trip zu erleben, das Ziel.

Was diesen Blog angeht, wollte ich die Idee – also meine an Steinbeck und Bryson angelegten Reisepläne – in einem eigenen Artikel beschreiben, und zwar lange vor Abreise (30. April). Das Resultat hätte dann – nach Ankunft in Deutschland Ende Juni – quasi zum Gegenlesen nachgeliefert werden sollen. Die These und ihre Überprüfung gewissermaßen. Außerdem wollte ich Eure Tipps und Vorschläge sammeln, wo es denn hingehen sollte. Dafür ist es jetzt ein wenig zu spät. Ich sitze, da ich dies tippe, bereits in Montpelier, achttausendköpfige Hauptstadt des Green-Mountain-Staates Vermont, Wohnsitz von Stines Bruder Per und somit Hauptziel unserer Reise.

Gelb-hellorange: Unser Trip bisher. Braun: Steinbeck, grün: Bryson.

Gelb-hellorange: Unser Trip bisher. Braun: Steinbeck, grün: Bryson.

Wahrzeichen der Stadt ist übrigens „der Wumms“, das Vermont State House mit seiner goldenen Kuppel, das viel zu gewaltig ist für das kleine Städtchen und das Stine und mich deswegen an den von uns gleichgenannten Dom in St. Blasien im Blasiwald erinnert. (Diese ehemalige Abteikirche mitten im Nirgendwo hat heute noch eine der größten Kuppeln Europas.)

Links der Wumms im Vermont'schen Wald, rechts sein Vetter im Schwarzwald

Links der Wumms im Vermont’schen Wald, rechts sein Vetter im Schwarzwald

Zuvor waren wir schon zwei Wochen in Upstate New York auf einer Öko-Cider-Farm (Blogeintrag ich hör Dir trapsen …), wo es allerdings nur bedingt Internet gab, um den angedachten Vor-der-Reise-Artikel zu posten. In rund zwei Wochen startet dann die dritte Etappe unserer Reise: mit Kristin aus Hamburg fahren wir in einem Wohnmobil-Straßenschlachtschiff durchs südliche New England. Also: Bis zum 1. Juni bitte alle Reisetipps an mich. Hier gibt es nun einen Mischmasch von These und Antithese des literaturgetriebenen Road-Trippens bis dato. Zurück nach Kapstadt, Südafrika.

Die letzten Wochen am Kap waren stressig. Führerschein übersetzen lassen, Mietwagen buchen, Möbel verticken, Bücher nach Hamburg verschiffen. Schließlich stellt dieser USA-Trip ja unseren „Umzug“ von Kapstadt nach Hamburg dar, und Stine bekam bei jedem zusätzlichen Gramm Buch, das ich anschleppte, Herzrasen. Ich packte also ein 22-Kilo-Paket, das ich für rund 70 Euro verschickte und das sicherlich länger unterwegs ist als wir. Dennoch gab es noch genügend Bücher, die in unsere Koffer mussten, weswegen es sich verbat, zwecks Road-Trip-Planung den Steinbeck und den Bryson zu horrenden südafrikanischen Bücherpreisen erneut zu erwerben und so unser Übergepäck zusätzlich zu beschweren. Zumal ich beide Bücher ja bereits besitze – nur eben eingelagert in Kiel.

Ich verzichtete vorerst auf die erneute Lektüre und klickte mich also ein bisschen durch Google-Earth. Google-Earth ist mein Leben. Oder besser: Mein Leben ist darin verzeichnet. Es ist mein Tagebuch, mein Tageatlas. Wenn ich wo war, wird es gepinnt. Diese Pension, jene Party, der Wasserfall, wo wir picknickten. Und natürlich Steinbecks Reise und Brysons Reise.

Steinbecks Buch habe ich 2009 auf einem Fahrradtripp durch Dänemark gelesen. Damals lebten wir in Kopenhagen, und ich bekam Fernweh. Ich sagte zu Stine, dass ich gerne nochmal nach Übersee reisen würde. Afrika oder Indien! Exotik, Abenteuer, Sehnsucht…

Nicht mit Stine.

Sie schlug die USA vor.

Die Idee zur USA-Rundreise kam in Dänemark

Die Idee zur USA-Rundreise kam in Dänemark

Die USA.

Und das mir, dem in meiner Jugend überzeugten Anti-Amerikanisten. Es wurde schlussendlich das Ende meiner anti-amerikanischen Phase, die in den 90ern als Möchtegernpunk (Möchtegern-Möchtegernpunk?) begann und mit dem Afghanistankrieg ihren Höhepunkt fand. Ich war vor die Wahl gestellt: USA oder gar nicht Übersee. Also freundete ich mich mit dem Gedanken an: T-Bone-Steaks. Grizzlys. Countrymusik. Ich machte ein typisches Anfänger-Ding, und stürzte mich in der Theorie in amerikanische Road-Trips, las also Steinbeck und pinnte ihn in langen Nächten in Google-Earth.

Alle meine Google-Earth-Einträge bis dato

Alle meine Google-Earth-Einträge bis dato

Als ich nun also in Kapstadt saß und versuchte, ohne die Originalquellen die Reiserouten nachzuvollziehen, erwies sich das nicht als zu einfach. Ich habe vor Jahren auch die „1.000 Places To See Before You Die“ eingepinnt (ok-ok… nicht alle 1.000 Places… nur die in Europa, Nordamerika und Südafrika). Da hockte ich also, Jahre später, und wusste nicht, warum Brimfield, Massachusetts, einer der 1000 sagenhaftesten Orte der Welt sein soll. Oder was Bryson so über Dorset, Vermont, oder Portsmouth, New Hampshire, schrieb. Nun, einen Monat, zwei Langstreckenflüge und diverse Büchereien und Büchertrödel später weiß ich es: „Some of the towns were staggeringly pretty. Dorset, for instance, was an exquisite little place, standing around an oval green, full of beautiful white clapboard houses, with a summer playhouse and an old church and an enormous inn.“ Zu dumm. Zu spät. Auf dem Weg von den Finger Lakes nach Montpelier haben wir die Route 100 genommen, die in unserem (schnöden, profanen) DK-Eyewitness-Reiseführer als „scenic route“ gekennzeichnet war. Das war zwar ein ganz hübscher Weg durch die Green Mountains, aber voller Bäume, zu voll, um was zu sehen. (Vielleicht habe ich „scenic“ zu sehr als „Panorama“ gedeutet, und vielleicht bin ich auch zu sehr verwöhnt vom panoramengedeckten Südafrika.) Die Route 100 war so ziemlich die kleinste und gewundenste Straße auf dem Weg ins nördliche Vermont – und auch genau zwischen den Routen Brysons (via Dorset) und Steinbecks, so dass ich beide verpasste.

Unser Weg durch Vermont (rosa) auf der Route 100: genau an Bryson (grün) und Steinbeck (Braun) vorbei.

Unser Weg durch Vermont (hellorange) auf der Route 100:
genau an Bryson (grün) und Steinbeck (Braun) vorbei.

Das wird mir so schnell nicht mehr passieren, in Zukunft halte ich mich an meine Vorbilder. Portsmouth, New Hampshire, nannte Bryson zum Beispiel „an instantly forgettable little town“. Da fahre ich also gar nicht erst hin!!

1.000 Places nennt Portsmouth allerdings „the can’t-miss stop on New Hamphire’s tiny seacoast […] a model New England harbour city, with a wealth of historic architecture“. Was nun? Wem glaube ich? Natürlich tendiere ich zu Bryson. DK Eyewitness Travel empfiehlt Portsmouth aber auch? 2:1 für die Konventionellen… Die hatten aber auch die kleinen Käffer auf der Vermont 100 empfohlen. Wilmington, Killington habe ich gesehen (schnarch) und Dorset, Manchester und Woodstock verpasst. Vielleicht habe ich es aber auch falsch gemacht? 1.000 Places über die 100: „In three hours of unhurried motoring [true!], you can travel its full length, from Wilmington in the South to Newport in the Northeast Kingdom, gateway to Canada. But this might, in fact, defeat one of its main pleasures – that of stopping to explore its small wonders.“ Da sind wir absolut schuldig im Sinne der Anklage, schließlich galt es auf dieser Etappe hauptsächlich, das Haus von Stines Bruder Per und seiner Frau Johanna zu erreichen. Wir kamen ohnehin erst spät am Abend an, und dass obwohl wir die 100 erst gar nicht in voller Länge abfuhren, sondern auf der halben Strecke auf die Interstate 89 wechselten. (Sowohl Bryson als auch Steinbeck können sich in puren Auflistungen der Flecken auf ihrem Weg verlieren, unterbrochen nur von den Straßen, auf die sie abbogen. Steineck: „I moved north in Maine roughly parallel to U.S. 1, past Madawaska, Upper Frenchville, and Fort Kent, then went due south on State Highway 11 past Eagle Lake, Winterville, Portage, Squa Pan, Masardis, Knowles Corner, Patten, Sherman, Grindstone, and so to Milinocket.“ Wem dieser Blogartikel zu lang ist, der soll froh sein, dass ich das nicht auch so mache.)

Wenn wir dann mit dem Wohnmobil durchs Land tuckern, werden die Etappen kürzer ausfallen, um Raum fürs Entdecken zu bieten. Mittlerweile habe ich ja nicht nur Steinbeck und Bryson vorliegen, ich habe auch ein drittes ähnliches Werk gefunden: „Blue Highways“ von einem gewissen William Least Heat-Moon. Neben den ganzen Baseball-Büchern, die ich mir für die Reise aufgespart habe ist das natürlich alles viel zu viel. Glücklicherweise sind Steinbeck, Bryson und Heat-Moon alle in einem riesigen Bogen durch die kompletten USA gefahren – und ihre Berichte über New England machen nur jeweils ein paar Kapitelchen aus. Für Stine habe ich in der hiesigen Bücherei eine ganz besonders treffende Lektüre gefunden. Nachdem sie sich in Kapstadt einen weiteren Amerika-Bryson zulegte und dann enttäuscht feststellte, dass es sich dabei nicht um einen weiteren Reisebericht handelt, brachte ich ihr „Queen of the Road“ von Doreen Orion mit. Laut Klappentext handelt der Bericht von einer Frau, „[who] hits the road in a converted bus with her wilderness-loving husband [namens Tim!], travels the country for one year, and brings it all hilariously to life in this offbeat and romantic memoir“. Somit sind wir nun also alle versorgt.

Alle vier Reiseberichte

Alle vier Reiseberichte

Damit wir auf unserer Rundreise genügend Zeit für Stopps und spontane Eingebungen haben, beschränken wir uns auf den Süden: Connecticut, Rhode Island, Massachusetts. New York-Boston-New York, an der Küste hin, im Inland zurück. Den Norden, Vermont, New Hampshire und vielleicht etwas Maine werden wir von Montpelier aus besuchen. Steinbeck reiste irrsinnig lang und weit durch Maine, wo er arme frankokanadische Kartoffelgastarbeiter auf einen Cognac in seine Rocinante lud. Das werden wir nicht machen. Kartoffeln finde ich weniger spannend, und andere Staaten haben auch schöne Wälder. Zum Beispiel die uns näheren White und die Green Mountains, durch die Steinbeck nach Maine hindurchzischte und alles, was er dazu beschrieb, war eine Predigt in einer Kirche in Vermont. Das werden wir auch nicht machen. Zumal nichts sicher ist. Ein Mensch mit noch mehr Durchhaltevermögen und Freizeit als ich ist Steinbecks Route tatsächlich abgefahren. (Ich weiß gar nicht, wie, dafür ist Steinbecks Buch viel zu ungenau.) Er fand jede Menge Ungereimtheiten und stellt fest, dass Steinbeck nicht nur die Wahrheit geschrieben habe. Diese Amerikaner … Wer weiß, vielleicht vögelte Kerouac-Paradise auch nicht drei Tage lang mit willigen Mexikanerinnen. (Und überhaupt hätte er Steinbeck mal genauer lesen sollen: „…I cannot commend this account as an America that you will find.“)

Mit dem Reisen entlang der Populärkultur ist es ohnehin nicht so einfach.

Edward Hopper: The long leg

Der Leuchtturm von Edward Hoppers „The Long Leg“, mein Lieblingshopper, liegt ganz am Ende der Cape-Cod-Halbinsel. Wo Hoppers „Nighthawks“-Bar lag, darüber herrscht hingegen leider keine Klarheit.

Die charmante langsame Provinzkomödie Nobody’s Fool“ mit dem alternden Paul Newman und den Brüsten der noch nicht alternden Mel Griffith (Google-Suche, erstes Bild, ts ts ts…) spielt in North Bath, New York. Es gibt zwar einen Ort namens Bath in New York, aber Vorbild für das Städtchen in Roman und Film war laut wikipedia Gloversville in Fulton County. Gedreht wurde im Hudson Valley, und zwar in Beacon, Fishkill, Poughkeepsie und Hudson. Und wo bitte fahre ich jetzt hin?

 

Conanicut Light

Ähnliches Gilt für Moonrise Kingdom, den hübschen Film von Wes Anderson mit Frances McDormand, Bill Murray und Bruce Willis. Auch der wurde an vielen Orten in und um Rhode Island gedreht, vor allem um die Narragansett Bay. Wenigstens der Leuchtturm, in dem Bill Murray und Familie wohnen, lässt sich lokalisieren und besuchen.

Und wie gern würde ich auf die Insel Amity fahren, wo einst der Weiße Hai sein Unwesen trieb. Gedreht wurde auf Martha’s Vineyard. Aber wir fahren wohl eher nach Nantucket nebenan. Das sieht im Reiseführer nicht nur verlockender, weil abgeschiedener, aus, das ist ja nun auch der Hafen, von dem Ishmael und Queequeg aus auf die Jagd nach Moby-Dick gehen. Dann eben weißer Wal statt weißer Hai. Moby-Dick fasziniert mich. Es ist ein Ungetüm von einem Buch. Voller Abschweifungen, Traktate und fliegender Gedanken. Immer wieder wird man aus dem Handlungsstrang herausgerissen. Melville hat alles falsch gemacht, was man in Anleitungen für Romanschreiberlinge lernen kann. Eher zufällig las ich vor Jahren von einem Übersetzer-Streit. Ein Verlag hatte die radikale Übersetzung der Melville’schen Sprachschöpfungen durch Friedhelm Rathjen abgelehnt und einen anderen Übersetzer, Matthias Jendis, engagiert. Der hatte Rathjen voraus, selbst schon zur See gefahren zu sein und sich mit den nautischen Begriffen auszukennen. Jendis hat dann eine mittlerweile preisgekrönte Übersetzung vorgelegt, die Rathjen-Liebhaber für „zu geschliffen“ halten. Natürlich habe ich mir beide Ausgaben zugelegt und eine englische von Penguin Books. So. (Ich hätte liebend gern auch die 30h-Hörbuch-Fassung von Rathjens Übersetzung, gelesen von Christian Brückner!) Erinnert sich jetzt noch jemand daran, was Thema dieses Blogeintrags ist? Nein? Genau so geht es einem bei der Lektüre von Moby-Dick. Ich habe es bei keiner Version und bei jeweils mehreren Anläufen nicht geschafft, weit über das Ablegen der Pequod hinauszukommen. Das passt ja dann wiederum, denn weiter werde ich die Route der Pequod auf unserem Road-Tripp auch nicht nachvollziehen können. (Immerhin habe ich schonmal einen Clam-Chowder nach der Beschreibung in Moby-Dick nachgekocht, und Clam-Chowder werde ich in New England dann auch sicher wieder zu schmecken bekommen.)
Nichtsdestotrotz reizt mich die wilde Übersetzung Rathjens, der Vergleich mit Jendis und dem Original. Ich sollte alle drei Schinken parallel verzehren – und wann ginge das besser als dort, wo die Reise beginnt? Dummerweise sind wieder alle drei Bände im fernen Kiel eingelagert, und wenn ich mir das Buch ein viertes Mal kaufe, nimmt mir Stine die Geldbörse ab. (Aber ich habe ein Büchlein in petto, das der Maat der Essex schrieb, dem Schiff, das tatsächlich im Kampf mit einem großen Wal sank. Die Geschichte ist Melville vermutlich bekannt gewesen.)

Überhaupt bietet die klassische amerikanische Literatur mir noch weitere Anlaufziele. Walden Pond zum Beispiel, den Ort, wo der Transzendentalist Henry David Thoreau Mitte des 19. Jahrhunderts für zwei Jahre „in the woods“ wohnte. (Ich weiß nicht, was ein Transzendentalist ist, aber der zugehörige Wikipedia-Artikel klingt sehr annehmbar.) Wie Moby-Dick habe ich das Buch nicht ansatzweise geschafft. Aber ich habe mir vorgenommen, das Kapitel zu lesen, in dem er den Teich beschreibt, bevor wir dorthinkommen.

The Headless Horseman

Oder Sleepy Hollow aus der Geschichte vom kopflosen Reiter. Die beruht vermutlich auf einer hessischen Volkssage und wurde von Washington Irving 1820 nacherzählt. Ich hab’s natürlich nicht gelesen, aber sowohl den Film von Johnny Depp als auch den von Walt Disney gesehen.

 

Mark Twains bekannteste Geschichten spielen zwar leider am Mississippi. (Oder besser gesagt werden wir es leider nicht bis zum Mississippi schaffen.) Aber sein Haus kann man in Connecticut besuchen. Liegt aber nicht auf unserem Weg. Im Gegensatz zum Haus von Herman Melville in den Berkshires. (Vielleicht kaufe ich dort eine spezielle Moby-Dick-Ausgabe?) Das Haus in Vermont, in dem Rudyard Kipling seine Dschungelbücher schrieb, kann man zwar nicht besuchen, aber für Übernachtungen mieten. Das wäre was, mein nächster Blogeintrag geschrieben am gleichen Schreibtisch, an dem Balu und Mogli das Licht der Welt erblickten. Leider habe ich nicht die rund $400 pro Nacht.

Welchen Büchern könnte ich noch folgen? Viele von Steven Kings Geschichten spielen in New England bzw. hauptsächlich in Maine. Aber das ist nicht nur ab vom Schuss, ich müsste auch das Städtchen Castle Rock lokalisieren, und das ist meines Wissens nach fiktiv. Genau wie Crabapple Cove, die Heimat von Benjamin Franklin Pierce, der Hauptfigur aus M*A*S*H, der Lieblingsserie meiner Jugend. (Nein, meine Jugend lag nicht in den Siebzigern, als die Serie erstausgestrahlt wurde.) Auch das kein Grund, soweit zu reisen. Für einen M*A*S*H-Fan wäre die koreanisch-koreanische Grenze ohnehin spannender als Crabapple Cove, oder auch der Original-Drehort unweit von Los Angeles. Aber der wird warten müssen, nur in Google-Earth ist er schon markiert.

Netherland by Joseph O'Neill

Netherland by Joseph O’Neill

Ein Buch, das ich auf der Fahrt unbedingt lesen will, ist der Roman „Netherland“ des Iren Joseph O’Neill. Es ist ein Buch über einen Holländer, der in New York City lebt und dort … Cricket spielt. Hier also das große Aha!, warum ich dieses Buch als meine vorderste New-York-Lektüre eingeplant habe. Aber aus irgendeinem Grund gilt das Buch laut einiger Kritiken als herausragendes Post-9/11-Buch. Andere Kritiker fragen sich mehr, ob die Hauptfigur nur des Wortspiels im Titel wegen Niederländer ist. Komisch ist diese Wahl ja schon. Offensichtlich hat O’Neill vermieden, einen Iren zu wählen, um sich nicht dauernd die Frage anhören zu müssen, ob das Buch biographisch geprägt sei. Wie auch immer, ein New-York-Cricket-Buch ist natürlich der Knaller. Ungefähr so geil wie das Budapest-Eishockey-Buch „Die Ballade vom Whisky-Räuber“ vom Julian Rubinstein. Budapest und Eishockey passt auch nicht so recht zusammen und dann auch noch (nach einer unglaublich wahren Begebenheit) geschrieben von einem Amerikaner. Zu Stadt und Sport kommen noch Whisky, Pelztierschmuggel und vor allem Banküberfälle. Ich las es als ich 2009 zur Tischeishockey-WM nach Budapest reiste, und es ist bis heute eines meiner Lieblingsbücher. Das Gleiche wünsche ich „Netherland“.

Viel mehr zu New York werde ich gar nicht planen. Es wird auch gar keine wirkliche New-York-Reise. Da kosteten ein paar Tage soviel wie der gesamte Rest unseres sorgfältig kostengünstig geplanten Aufenthaltes in den Staaten. Ein Baseballspiel der Yankees werde wir uns gönnen, und vielleicht ein Musical. Dann will ich in den Central Park Zoo und Alex dem Löwen huldigen. Den großen Bronx-Zoo brauche ich nicht. Ich mag die kleinen, alten Zoos. Sie atmen Geschichte. In Paris pilgerte ich zuerst zum Raubtierhaus im Jardin des Plantes, wo einst Rilkes Panther weich geschmeidig starke Schritte ging. Gut, gut, zugegeben, im Groß-Zoo im Bois des Vincennes war ich auch, aber da hatte ich mehr Zeit. In New York muss ich mich einschränken. Die Schauplätze von „Kevin allein zu Haus“ wären eine Visite natürlich wert, aber so ohne Weihnachten fetzt das nicht. Ich werde wohl nochmal nach New York City zurückkehren müssen.

Wir waren ja bislang in Upstate New York. Von JFK sind wir gleich mit dem Bus nach Ithaca bei den Finger Lakes. Die Busfahrt bot leider nicht wirklich Road-Trip-Erlebnisse, und auch unser Aufenthalt dort war weder von Straßen noch populärkulturellen Vorbildern geprägt – mal abgesehen davon, dass dieses Weingebiet ein ansprechender Ersatz für die „Sideways“ des Nappa Valley war. Die Finger Lakes sind mir ohnehin auch lieber, denn sie sind bekannt für ihre Rieslinge, deren Äpfeln und Mineralien ich mich hingab (ganz ohne Kaugummi). Kulinarische Reiseziele nehme ich immer gerne in die Liste auf. Damit meine ich weniger Restaurant X oder Hotel Y (wie in den 1.000 Places häufig vertreten), sondern eben Anbaugebiete und Produktionsstätten. Hier bei Montpelier um die Ecke liegt die Fabrik von … *Trommelwirbel* … Ben & Jerry’s!!!!!!!!!! Per kann’s schon nicht mehr sehen, zumal er Veganer ist. Das Speck-Eis muss ich also selber essen.

Um es wieder abzutrainieren, können wir ein Stückchen des Appalachian Trails wandern. Ein winziges Stückchen. Der längste Wanderweg der Welt zieht sich durch die kompletten Ost- und östlichen Südstaaten – eben entlang der Appalachen, von Maine bis Georgia. Nur die wenigsten, die antreten, den ganzen Weg zu bezwingen, schaffen es auch. Bill Bryson schaffte es nicht, schrieb aber ein Buch drüber: „Walk in the woods“. Gute Sache. (Würden wir den Weg dorthin doch machen, kämen wir in Crozet vorbei, dem Katzenkrimi-Städtchen von Rita Mae Brown. Und am Blue Ridge Parkway, und ich könnte John Denver singen. Aber Stine wird davon verschont bleiben.)

So wird sich der Sport auf Baseball beschränken. Passiv natürlich. Seit ich einiges von Cricket verstehe, ist meine Neugier auf Baseball gewachsen. (Blogeintrag, ick hör dir trapsen.) Was den Road-Tripp angeht, mussten wir auf dem weg von den Finger Lakes bis hierher natürlich im weltbekannten Cooperstown haltmachen mit seiner Baseball-Hall-of-Fame.

National Baseball Hall of Fame, Cooperstown, NY

National Baseball Hall of Fame, Cooperstown, NY

Bill Bryson, der Baseball-Fan und Sohn eines relativ bekannten Sportjournalisten ist, hat dort ebenfalls Zeit vertrödelt und einige Seiten in seinem Bericht gefüllt. (Mehr dazu – und zu unserem Besuch eines Spiels der Yankees später in NYC – aber dann in einem zukünftigen Baseball-Blogeintrag.) Während ich alte Trikots und Schläger bewunderte, wanderte Stine durch das erstaunlich hübsche Städtchen, das zu unrecht hauptsächlich für Baseball bekannt ist. (Die Legende sagt, es sei hier erfunden worden.) Obendrein ist Cooperstown auch noch Geburtsort von Fenimoore Cooper, aber auch den Lederstrumpf hab ich nicht gelesen.

Ein bisschen mehr Sport gibt es dann aber auch noch. Von Vermont aus fahren wir nach Montreal, wo ich ein Turnier der World Table Hockey Tour zu spielen gedenke. (Blogeintrag, ick hör dir trapsen.) 2008 hätte ich da vielleicht sogar Chancen auf ein recht erfolgreiches Abschneiden gehabt. Nach Jahren des Werbetextens bin ich etwas eingerostet. Dabeisein ist diesmal also alles.

Romane, Reiseberichte, Filme, Serien, Malerei, Sport, Essen und Trinken … Alles vortreffliche Reiseziele und Inspirationsquellen. Daneben raten einem konventionelle Führer zu hübschen Örtchen, tollen Museen und großartigen Landschaften. Nantucket, Cape Cod, Mystic Seaport stehen alle auf der Liste. Scenic Roads wie der Kancamagus Highway in New Hampshire oder der Mohawk Trail in Massachusetts mag ich auch immer gerne. Weiter mag ich „Oddities“ wie sie in Themenführern wie „Weird New England“ gelistet werden. Wir könnten eine „Cemetery Safari“ machen, beginnend am Grab der Schwarzen Agnes gleich hier in Montpelier. Oder unheimliche Straßen befahren, die dafür berühmt sind, dass immer wieder unheimliche Dinge passieren.

Weird or not? Make your pick!

Weird or not? Make your pick!

Also. Wer hat Vorschläge für literarische Streifzüge im Nordosten der USA? Wer weiß Tipps zu Absonderlichem und absonderlich lohnenswerten Zielen? Immer her damit.