„Baseball auf Valium“ lautet eine amerikanische Spottbezeichnung für Cricket. Für deutsche Sportfans muss Cricket dann noch langweiliger sein, denn die finden ja schon Baseball unerträglich öde. Der gemeine Deutsche guckt und betreibt Torspiele: Fußball, Hockey, Handball. Mein südafrikanischer Kollege Lasse meint, es mache schon Spaß, Fußball zu spielen, aber es zu gucken? Totlangweilig, es passiere die ganze Zeit nichts. Im Cricket hingegen …

Warum guckt man also Cricket? Ist es spannend? Schläft man ein? Nach meinen kühnen Versuchen, selbst Cricket zu spielen, folgt hier der kühne Versuch, Cricket selbst zu gucken.

Multipelste Höhepunkte
Soviel vorneweg: Lasse hat recht. Beim Cricket passiert andauernd was, denn es besteht ausschließlich aus Höhepunkten. Jeder einzelne gespielte Ball ist wie ein Torschuss und kann das Team voranbringen oder – noch wichtiger – empfindlich schwächen. Denn jeder Ball ist ein Duell zwischen Bat und Ball.

Das ewige Duell Ball gegen Bat – Bild von Moe Heise.

Das Dilemma beim Verteidigen zu punkten
Der Batsman muss sein „Haus“ (sein Wicket) gegen den Ball verteidigen, während der gleiche Spielzug auch immer eine Chance ist, notwendige Punkte zu machen. Beim Fußball verteidigst Du (vereinfacht gesagt) hinten und punktest vorn. Es gibt keine Situation, bei der Du beides gleichzeitig tun und sogar bedenken musst.

Ene, mene maus!
Eine simple Fußball-Analogie: Ein Schütze beim Fußball kann punkten oder nicht punkten. Nun stelle man sich vor, dass der Schütze für einen schlechten Schuss auch vom Platz fliegen kann. Mario Gomez läuft frei aufs Tor zu. Vielleicht wird er gleich jubeln, wahrscheinlich ein bisschen bedröppelt gucken. Wieviel spannender wäre es, wenn er nach einem blamablen Fehlschuss zwingend ausgewechselt werden müsste. Wenn Du verkackst, bist Du raus. Das ist eine Dramatik, die der Fußball nicht kennt, außer vielleicht beim Elfmeterschießen.

Kein Mittelfeld, kein Geplänkel
Man stelle sich einen Wettbewerb vor, der nur aus Elfmeterschießen besteht. Denn Mittelfeldgeplänkel ist widerum eine Undramatik, die das Cricket nicht kennt. Das ist der Grund, weswegen Fußballgucken Lasse anödet. Also zurück zum Gedankenspiel: Ein Elfmeterwettkampf, bei dem ein Schütze solange antritt, bis er verschießt. Triffst Du nicht, bist Du raus und der nächste Schütze tritt an. Sind alle 11 Spieler raus, ist das andere Team dran und muss versuchen, mehr Tore zu erzielen.

Beherrsche die Zeit
Bei Torspielen geht es darum, den Raum zu kontrollieren. Beim Cricket geht es um die Zeit – und die Zeit misst man in Bällen. Je mehr Bälle das schlagende Team noch zur Verfügung hat, desto besser kann es planen, mit welcher Frequenz und welchem Risiko es die nötigen Runs erzielt. Wenn Bälle die Sekunden sind, sind Over die Minuten. Ein Over besteht aus sechs Bällen, die ein Bowler von einem Ende der Pitch bowlt. Danach spielt ein anderer Bowler sechs Bälle vom anderen Ende. Es gibt Spiele, bei denen die Anzahl der Over limitiert ist: Eintagesmatches (50 Over / 300 Bälle je Team) oder abendfüllende Twenty20ies (20 Over / 120 Bälle) – und es gibt unlimitierte Matches.

Limited-Over-Cricket, ein Zahlenspiel
Bei T20ies und anderen limitierten Matches kann zu jedem Zeitpunkt Berechnungen anstellen, welches Team grade besser dran ist. Muss Team 2 ballern, was das Zeug hält, um überhaupt die Vorgabe von Team 1 übertreffen zu können? Weiter: wenn Team 2 nach der Hälfte der eigenen Schlagzeit (in Bällen) kaum Wickets verloren hat, können sie riskanter spielen und lustig draufschmettern. Andernfalls wird es düster. Diese einfachen Beispiele sollen nur verdeutlichen, dass man auch als Anfänger relativ bald, die Spannung mitverfolgen kann. Die Zahlen helfen einem. Die besten Spiele bieten Höchstspannung bis zum letzten Ball – wenn der Batsman z. B. unbedingt eine Six (einen „Home-Run“) erzielen muss. Limited-Over-Matches bieten eine moderne Form der Spannung.

Das Spiel lesen
Wenn die berüchtigten fünftägigen „Test“-Matches Epen und Romane sind, lesen sich die Eintagesmatches wie Novellen und die jüngste und kürzeste Form T20 wie Groschenromane. Das ist nicht abwertend gemeint. Schon mein Deutschlehrer sagte, es sei egal, wie man zum Lesen komme. Und jede Literaturform wie alles Neue entwickelt sich. T20ies haben als Groschenromane gestartet, um den Verlagen notwendiges Geld einzubringen. Aber irgendwann kam Edgar Allan Poe und schrieb die Rue Morgue. T20ies können Gedichte, Krimis und Schmonzetten sein. Die hyper-kommerzialisierte indische T20-Retortenliga IPL ist lupenreines Bollywood. Manche T20ies sind Stand-Up-Comedy, manche Glossen und manche nur ein schlechter Witz.

Cricket ist eine ernste Sache!

Cricket ist wie Schach: einfach brutal
Test-Matches haben keine Ballbeschränkung, außer dass nach fünf Tagen (circa 2700 Bällen) auch mal Schluss sein muss. Jedes Team hat zwei „Innings“, darf also zweimal mit je elf Mann batten. Anders als bei den anderen Cricket-Formen ist am Ende der fünf Tage nicht einfach das Team Sieger, das mehr Punkte hat. Wenn das andere Team noch Batsmen in petto hat, die die nötigen Punkte theoretisch noch hätten holen können, dann zählt das Spiel als Unentschieden. Man fühlt sich ans Schach erinnert: Scheinbar ewig passiert scheinbar gar nichts, und sehr oft kommt nichts anderes raus als ein Remis. Wie beim Schach liegt hierin die Brutalität des Spiels. Du kannst so megadrückend überlegen sein, wenn Du dem Gegner nicht das Genick brichst, kannst Du nicht gewinnen. Du musst ihm die Kehle zudrücken, ihm eine Kugel zwischen die Augen setzen. Im Basketball kannst Du mit 121:120 siegen, im Eisschnellauf mit 0,02 Sekunden, und Du warst nicht wirklich besser. Ein Boxer gewinnt mit 115 zu 114 Punkten – und keiner weiß warum. Ein Test-Team kann 400 Runs mehr erzielt haben als der gegner. Wenn sie nicht alle 20 feindlichen Wickets nehmen, ist es ein Unentschieden. Basta. Ein Patt ist eben kein Matt.

Test-Cricket: Nur die Besten
Ein Schachsatz lautet: Die Fehler sind alle da, man muss sie nur machen. Das gilt auch für Test-Cricket. Weil er die Zeit dafür hat, entscheidet der Batsman im Test selbst, ob er einen Ball überhaupt spielt, und wenn, dann ob er es offensiv tut oder ihn einfach blockt. Mehr als beim Limited-Over-Cricket ist der Batsman selbst Schuld, wenn er einen schlechten Shot wählt und ausführt und deswegen rausfliegt. Es ist der „ultimative Test seiner Fähigkeiten“. Für Test-Cricket sind überhaupt nur die besten zehn Länder zugelassen. Große Unterschiede im Leistungsvermögen zweier Teams sind nicht durch Glück zu kaschieren. Über fünf Tage, is zu 39 Wickets und Hunderte von Runs kann kein Underdog  mit Glück gewinnen. (Ähnlich wenig wie beim Basket- oder Handball, und eben ganz anders als beim Fußball.) Auch bei den Test-Ländern gibt es Unterschiede. Ich als arbeitender Mensch habe zweimal in Folge den traditionsreichen New-Year’s-Test in Kapstadts legendärem Newlands Cricket Ground verpasst, weil es Sri Lanka 2012 und Neuseeland 2013 jeweils nicht schafften, nicht schon vor dem Wochenende zu verlieren.

Newlands Cricket Ground – der zweitbeste der Welt – Photo von Moe Heise

Fünf Tage lang spielen ohnehin nur die (besten) Nationalmannschaften. Andere Profiteams spielen vier Tage und Amateure zwei. Wer sich fünf Tage Cricket reinzieht, bekommt also Matches von Kasparov, Lasker und Bobby Fischer zu sehen. Das klingt für viele natürlich auch nicht spannend. Also sagen wir: Es gibt Test-Matches von Dostojewski, von Frank Schätzing und von Rosamunde Pilcher. Test-Matches skandinavischer Autoren tendieren zu offenen Enden, denn Regen, Wind und schlechtes Licht können das Spiel unmöglich machen und den Teams die Zeit nehmen, das andere Team zu erledigen. Nach dem vorzeitig gewonnenen Neujahrstest 2012 fielen meine nächsten beiden Versuche, ein Cricket-Match live im Stadion zu sehen, dem Regen zum Opfer.

Der Regen verhagelt mir ein T20-Champions-League-Spiel

Die großen Schlachten
Letzten August gewann Südafrika eine Test-Serie in England und wurde Nr. 1 der Test-Weltrangliste. Seit australische Teams auf Ozeandampfern um die halbe Welt reisten, bleibt ein Cricket-Team gleich für eine ganze Reihe von Spielen im Land, die in Serien zusammengefasst werden. Wie in einer Play-Off-Serie zählt man Siege wie Punkte. Südafrika hat derzeit ein galaktisches Team und gewann überlegen in England.
Letzten Novemer reiste Südafrika als Nr. 1 der Welt nach Australien und musste somit erstmals seine Spitzenstellung verteidigen. In den ersten beiden Matches dominierten die Australier fast ununterbrochen. Aber sie schafften es eben nicht, Südafrika den Blattschuss zu geben. Im zweiten Spiel verteidigte Test-Debutant Faf du Plessis Ball um Ball und ließ die Aussie-Bowler verzweifeln. Stundenlang in gleißender Hitze sammelte er Pünktchen für Pünktchen und verweigerte Australien den Sieg. So ging es mit dem Stand von 0:0 Siegen ins letzte Match. Südafrika battete zuerst und erzielte wieder nur mickrige 225 Punkte. Dann aber gelang es den Protea-Bowlern, die Aussies für noch weniger (163) zu erledigen. Im dritten Innings spielten die südafrikanischen Batsmen groß auf und erzielten satte 569 Runs, bevor Captain Graeme Smith das Innings abbrach, um seinen Bowlern die Zeit zu geben, die Aussies im letzten Innings zu meucheln. Zwei Matches lang war Südafrika unterlegen, ohne dass Australien etwas daraus machen konnte. Nach dem ersten Tag des dritten Tests sah es so aus, als würden die Aussies endlich gewinnen. Dann drehte Südafrika auf, scorte fett Punkte, bowlte den Gegner zweimal raus. Schach-Matt und eine der dicksten Niederlagen Australiens in der jüngeren Geschichte. Südafrika gewann die Serie 1:0 und blieb das beste Test-Team des Planeten nach 15 Tagen Drama. (Und 15 Tagen Liveticker auf Arbeit.)

Die kleinen Gefechte
Cricket-Spiele entwickeln Geschichten und Dramatiken. Es sind Kriege, die aus Schlachten und Gefechten bestehen. Wer bei meiner Elfmeter-Metapher oben dachte, „Boah, was kann es Langweiligeres geben als fünf Tage lang Elfmeterschießen?“ oder „Ich hasse Elfmeterschießen, es ist eine sinnlose Lotterie!“, der muss bedenken, dass sich in den weit über hundert Jahren Cricketgeschichte komplexe Taktiken und Strategien für Batting, Bowling und Fielding herausgearbeitet haben, die es beim Elfmeterschießen so (noch) nicht gibt.
Die sechs Bälle eines Overs stellen ein Gefecht dar. Sechs Schüsse im Revolver, um dem Batsman den garaus zu machen. Sechs Schüsse, über die der Bowler eine Mikro-Strategie entwickeln kann – z. B. ihm drei–vier Mal das Gleiche zuspielen, um ihn dann zu überraschen. Oder ihm die Bälle zuspielen, die der Batsman am besten beherrscht, um ihn zu leichtsinnigen Schüssen zu verlocken, die einen Catch aus der Luft ermöglichen. Das wiederum ist – wie gesagt – Teil einer von mehreren Strategien, die der Captain mit dem Bowler im Idealfall gegen jeden Batsman erarbeitet. Billy the Kid kommt nicht mit Bouncern klar, also immer feste druff. Wyatt Earp wird leichtsinnig, wenn er glaubt, die Lage im Griff zu haben. Django kann die Kurve eines swingenden Balls nicht berechnen usw.

Spannung durch Pausen
Irrwitzigerweise kann man behaupten, dass die langen Pausen beim Cricket es spannender und interessanter machen. Denn nur durch die Pausen hat man als Zuschauer/in Zeit mitzudenken, die Taktiken zu verstehen oder eigene auszudenken und im Kopf mitzuspielen. High Noon in Wicket Valley. Die Kontrahenten stehen sich gegenüber. Der Sheriff wartet darauf, dass Pistol Pete zieht … Was wird er tun? Auf den Kopf zielen? Aufs Herz? Wird er zucken, damit der Sheriff eine unüberlegte Bewegung macht? Die braven Leute der Stadt zittern auf den Balkonen. Der Schweiß rinnt über des Sheriffs Stirn. Die Spannung ist so unerträglich wie die erbarmungslose Sonne des Wilden Westens (nun weiß der geneigte Leser, dass die Rede von Perth ist).
Als ich das erste Mal zu einem Footballmatch ging, einem Bundesligaspiel der Berlin Adler damals bei mir um die Ecke im Jahn-Sportpark, bin ich nach der Hälfte gegangen, weil nichts passierte. Heute weiß ich, dass es die Pausen sind, die American Football zum wahren Rasenschach machen. Heute würde ich bleiben, auch wenn ich nach wie vor nichts vom Football verstehe. Oder vom Cricket.

Schwertkämpfe mit Ball und Bat
Diese Feinheiten sieht man als Anfänger aber nicht. Ich stelle mir Fechten immer sehr attraktiv vor. Elegant, schnell, sogar gewaltig, schließlich tragen die Kontrahent/innen waschechte Waffen. Und wenn ich es dann mal bei Olympia sehe, zappeln und fuchteln die rum und bevor ich sehe, was passiert, hat eine/r gewonnen. Cricket ist genauso.
Eigentlich hätte Cricket in Frankreich erfunden werden müssen, und zwar von den Musketieren. Alexandre Dumas hätte dann das erste Test-Match geschrieben. „Einer für Alle, Alle für Einen!“ – das perfekte Cricket-Motto. Wenn ich mal ein Team gründe, werde ich es „Musketeers XI“ nennen, ein Logo hab ich schon:

Portos und Athos sind die Opening Batteurs, D’Artagnan und Aramis die „Top-Order“ der Schwertkämpfer gegen Richelieus „attaque“. „Attack“ werden beim Cricket nämlich die Bowler genannt.

Die Wahl der Waffen
Natürlich kämpfen die Kontrahenten mit unterschiedlichen Waffen. Bat und Ball. Oder präziser: Bowlingvarianten wie Seam, Swing und Spin und ihre Variationen namens Yorker, Googly, Bouncer etc. etc. Cricket-„Shots“ wie Drive und Sweep, Pull und Cut. Hätte Cricket die USA oder China erreicht, gäbe es wahrscheinlich Action-Versionen als Computerspiele, bei denen ich einen Sioux-Bowler gegen einen Vikinger-Batsman antreten lassen kann oder einen ballschwingenden Massai gegen einen bat-bewehrten Samurai. (Das ist eigentlich eine höllisch gute Idee für ein Cricket-Computerspiel. Wehe, wenn es jemand klaut!)

Cricket ist aber (leider?) ein Commonwealth-Sport geblieben. Mit der Folge, dass es von den beschriebenen Kämpfern nur den Massai gibt. Ein soziales Sportprojekt in Kenia hat die Maasai Cricket Warriors gegründet. Wie so oft wird Sport genutzt, um jungen Menschen eine Perspektive zu geben und Ziele und Ambitionen sowie ein Feld, auf dem sie sich Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl erarbeiten können. Das Projekt schenkt uns nicht nur Bilder wie dieses, es soll auch einen Dokumentarfilm darüber geben, den man crowdfunden kann.

Warriors – Maasai Cricket Documentary Promo from Your Explosion My Mind on Vimeo.

Batsmen – die tapfersten Sportler überhaupt
Zurück zum Kampf: die Fecht-Metapher geht weiter. Beim Cricket darf der Bowler auf den Mann zielen. Cricketer führen diesen Punkt gerne gegenüber Baseballern aus, die keineswegs auf den Spieler zielen dürfen. Vielleicht sind Cricketer auf Valium, aber sie dürfen dem Gegner eins auf die Schnauze geben. Zwar nur indirekt, da der Ball meistens auf dem Boden aufdotzt, bevor er den Batsman erreicht, aber es ist erlaubt und Teil des Spiels. Bälle die kurz gespielt werden, damit sie hoch – nämlich ins Gesicht des Batsmans – bouncen, sind ein legitimes Mittel, dem Batsman das Leben so schwer wie möglich zu machen. Das erfolgreichste Team aller Zeiten, die West Indies der 70er und 80er, nutzte das, um sich Respekt zu verschaffen. Aus den verlierenden Schönspielern, den „Calypso-Cricketern“, wurde über zwei Jahrzehnte das furchteinflößendste Ballsportteam der Welt. Ein südafrikanischer Sportjournalist stufte die Gefahr höher ein, als gegen Rugby- oder Eishockeyprofis zu spielen, denn die werden irgendwann zurückgepfiffen. Und wer den Südafrikaner Dale Steyn, dem aktuell besten Fast-Bowler der Welt, sieht, wie er dem Gegner mit 150 Sachen den Ball um die Ohren oder auch dazwischen knallt, versteht das.
Wenn der Batsman zuviel blaue Flecke davonträgt, war er einfach zu schlecht. Dafür trägt der Mann ja einen Helm und eine Waffe: um sich zu verteidigen. Auch das macht die Attraktivität des Cricket aus: es ist in der Tat adrenalinreicher als man denken mag.

So testosteronpeitschend ist ein Cricketspiel natürlich nicht für alle Anwesenden. Meine Freundin guckt immer nur die letzte Viertelstunde mit, nachdem ich schon zwei oder auch sechs Stunden gebannt das Spiel mitverfolgte. Dann sage ich ihr, dass Südafrika aus den letzten 18 Bällen noch 23 Runs machen muss und dass das nicht schwer zu erreichen sei. Oder vielleicht doch, wenn nämlich schon neun Wickets gefallen sind, Südafrika also sofort verliert, wenn einer der beiden verbliebenen Batsmen einen Fehler macht und diese beiden ohnehin nicht spezialisierte Batsmen sind, sondern Bowler.

Ein Sonntag im Park
Trotz dieses infamen Desinteresses ist sie relativ gerne bereit, mich auch für Stunden ins Cricketstadion zu begleiten. Man liegt da auf dem Rasen in der Sonne und guckt Leuten mit lächerlichen Mützen zu. Um einen herum spielen Kinder und grölende Menschen pumpen Bier. Man picknickt und quatscht. Sie liebt das. Mich kriegt sie nicht mit zehn Pferden in den Park. Die Sonne schwitzt, das Gras sticht und klebt und juckt und nach zehn Minuten ist mir langweilig. Ein Cricketspiel ist die Schnittmenge aus Park und Sportgucken.

Die Sonne brennt, die Kinder spielen – und Cricket gibt es auch

Aber man muss sich vorbereiten. Vor Kurzem fuhren wir nach Paarl in die Winelands hinter Kapstadt, weil da ein Eintagesmatch gegen Neuseeland stattfand. Es war proppenvoll und 35° im Schatten. Und wir saßen nicht im Schatten.

Der Boland Cricket Park in Paarl in den Winelands – Photo von Moe Heise

Wir hatten den Tag mit einem deliziösen Frühstück auf einer Weinfarm begonnen und als wir dann am Stadion ankamen, waren kaum fünf freie Quadratzentimeter auf den Grasrängen zu finden. Wir waren zu viert: außer mir meine Freundin Stine, Sascha, der nichts mit Cricket am Hut hatte, und Moe. Moe kommt aus unserem schönen Hamburg und reist gerade rund um die Welt und folgt dem neuseeländischen Cricket-Team von Land zu Land. Vor ein paar Monaten war er bei der T20-WM in Sri Lanka, dann reiste er durch Südostasien, bevor er nach Südafrika kam. Später geht es noch nach Australien, und dann kommt das Grande Finale in Neuseeland, wo er vor zehn Jahren als Austauschschüler war. Über diese neidweckende Reise schreibt Moe ein Blog (vielen Dank, dass ich einige Deiner tollen Photos verwenden darf!). Hier ist sein Bericht über das Spiel in Paarl.

„Wo hat der Tigges mich hier nur hingeschleppt?!?!?“

Ich selbst muss gestehen, dass ich vom Spiel gar nicht so viel mitbekam, weil ich eher damit beschäftigt war, mich einzucremen, irgendetwas über meine bloßen Körperteile zu legen und mich so hinzubiegen, dass ich weder mich noch die Umliegenden störte. Ich hatte Cricket-Neuling Sascha vorgewarnt, dass es den ganzen Tag dauern würde. Aber je länger der Tag andauerte, desto mehr tat er mir leid wie er entweder unter Handtüchern oder den Bäumen hinter den Grasterrassen Schutz suchte. Dabei waren wir besser vorbereitet als das letzte Mal, als Stine und ich ein Liga-Match der Kapstädter Cobras im legendären Stadion Newlands besuchten. Da hatte ich nichtmal eine Kopfbedeckung und sah dann so aus …

Wenn nicht grade die Nationalmannschaft, die Proteas – benannt nach der Nationalblume –, spielt, kriegt man immer noch ein lauschiges Plätzchen, und Stine und ich genossen den Tag, neben uns lenzten Kapstädter vieler Schattierungen oder machten – nach steigendem Bierkonsum – Party. Das gab es in Paarl auch. Ein Cricketmatch hat etwas von einem Volksfest. Schließlich wird es nur im Sommer gespielt, und es ist immer genug Zeit, zum Büdchen zu gehen. (Das einzige Tor des Spiels wird man beim Cricket nicht verpassen, sondern allenfalls einen stunning Catch.)

Wir German Rednecks suchten also immer wieder Schutz im Schatten der Bäume am Rand der Grasterrassen, um den Film vom Schweiß und Sonnencreme trocknen zu lassen.

Südafrika hatte mit dem Batting begonnen und dabei (in ihrem „Innings“) nicht allzuviele Runs erzielt. Am frühen Nachmittag hatte Neuseeland aber schon eine Handvoll Wickets verloren (also nur noch wenige Elfmeterschützen in petto), so dass ein vorzeitiges Ende wahrscheinlich war (alle Neuseeländer raus, bevor sie mehr Runs erzielen konnten als Südafrika). Ich hoffte ein bisschen darauf, denn ich wollte dem weitgereisten Moe nicht vor Spielende auffordern zu gehen, während ich Saschas nicht länger zwingen wollte, im Backofen den Kiwis beim Braten zuzusehen. Also gesellte ich mich zu ihm in den Schatten und versuchte ihm das Schauspiel nahezubringen. Ich erklärte ihm die Anzeigentafel, dass die Neuseeländer noch so-und-soviele Bälle hätten, um so-und-soviele Runs zu erzielen, was ziemlich gut möglich sei, aber dass sie eben schon sieben Wickets verloren hatten und das Spielende wohl nicht erfolgreich erleben würden. So standen wir da und warteten auf (das Fallen von) drei Wickets.

Aber Neuseeland – in Gestalt von James Franklin – erzielte Run um Run, und wir standen und standen. In den letzten Minuten des Spiels hatte Neuseeland reichlich Bälle für wenig Runs, aber auch nur noch ein Wicket zur Verfügung. Einfach und spannend. Südafrika brauchte das zehnte Wicket, oder sie verlieren. Jeder Ball ein Duell. Unerträgliche Spannung. James Franklin schlägt den Ball über die Spielfeldgrenze. Sieg Neuseeland.
Ich fragte Sascha, ob es ihm denn doch gefallen habe. Antwort: „Die ersten fünf Stunden schon.“ Na bitte.