Alkohol mag ein ungewöhnliches Thema für ein Blog über ungewöhnliche Freizeitbeschäftigungen sein, erst recht zu Silvester. Aber sehr lange war Alkohol überhaupt kein Thema für mich, sondern das Unaussprechlichste, Ekelhafteste überhaupt. Heute mache ich feinere Unterschiede. Auf der einen Seite steht Bier, und auf der anderen alle anderen Alkoholika. Bier ist das Ekelhafteste überhaupt, aber alles andere liebe ich. Kürzlich habe ich einen Schnapsbrennworkshop bei Jorgensen’s Distillery in den südafrikanischen Winelands besucht, und nun gehört es zu meinen Vorsätzen fürs neue Jahr, Schnaps zu machen. Calvados und Gin schweben mir da vor. Besonders Letzterer könnte Verwunderung hervorrufen. Gin? Das scharfe Zeuch, das man in Tonic ertränkt? Weit gefehlt.

Mit einer Destille wie dieser (das Fass rechts samt dem Rohr darauf) könnte ich schon bald edle Stöffchen brennen.

„Das wird Dir schmecken“, sagte Tobi und goss den Gin in meinem Essnapf mit Tonic auf. Da saß ich also in einem Wäldchen an Reykjaviks Stadtrand, ich, der militante Alkoholverweigerer, der beim zartesten Bierhauch kotzt, und hielt eine Suppenschüssel voll Gin & Tonic in Händen. Und das sollte mir also schmecken. Ich schmeckte. Es schmeckte. Wir leerten die verbliebenen Flaschen. So hat es mit mir und dem Alkohol angefangen.

Das war im Sommer 2001. Ich war 21 Jahre alt geworden, ohne ein Glas Alkohol geleert zu haben. Also… abgesehen von Tschai, dem Punsch, der auf Pfadfinderlagern die Nächte versüßt. Und abgesehen von dem Whisky, den wir 1998 in Schottland gekauft hatten und mit dem wir diese Pfadfindermädels abfüllten, von denen jeder eine abbekam. Außer mir. Anyway… einigen wir uns darauf, dass ich vor 2001 keinen Alkohol angerührt hatte. Als Kind hatte ich sogar Angst davor, eine fiese Neige könnte durch das Geflecht des Leergutkorbs auf dem Rücksitz neben mir sickern. Und wohin hätte ich mich in der Enge des mütterlichen Minibus‘ retten können? Am Esstisch konnte man ja noch schreiend aufspringen und das Weite suchen, wenn jemand ein Glas Bier oder Wein verschüttete. Aber auf der Rückbank des Nissan Vanette war ich dem faul riechenden Gift schutzlos ausgeliefert, wenn es sich unaufhaltbar durchs Polster zu mir saugen würde.

Tobi und seinem Gin & Tonic sei also großer Dank geschuldet, dass er mich exorzierte. (Cheerio, Sir Tobi!) So konnte ich dann in meinen frühen Zwanzigern meinen Freund/innen im Prenzlauer Berg das Bad vollkübeln, und meine alten Schulfreunde würden sagen: „Hihi, der Tüm macht jetzt alles, was wir mit 15 gemacht haben.“ Ich würde sagen, nicht alles. Ich habe weder Cola-Bier, noch Fanta-Korn gesoffen, um rauszufinden, ab welchem Pegel ich mich nackig mache und Melodien rülpse. Das mache ich auch ohne Alkohol.

„Ey, wer hattem Tigges Alkohol gegeben? Der wischt das jetz gleich ma uff!“

„Das Schöne an Gin ist, dass er einen Eigengeschmack hat“, sagte Tobi damals in Reykjavik. Da hat er recht. Ich trinke Alkohol wegen des Geschmacks. Denn das ist ja seine große Stärke: Er ist der beste natürliche Geschmacksträger. Seit ich bei einem Whisky-Tasting in einem Irish-Pub am Kollwitzplatz das Salz im Lagavulin schmeckte, das die Seeluft in den Jahren des Reifens durch die Holzfässer hatte dringen lassen, weiß ich, dass es Unterschiede gibt. Eben Whisky mit Salzgeschmack und Whisky ohne Salzgeschmack.

Ich bin kein Feinschmecker. Nuancen muss ich mir erarbeiten. Whisky ist aufgrund seines Formenreichtums ein idealer Sparringspartner. André, der jenes Whisky-Tasting durchführte, hatte eine sehr prägante Auswahl getroffen: Je zwei Iren und Schotten und Amis, je ein Kanadier und Japaner. Die Unterschiede kriegt jeder: Iren sind weicher, Schotten würziger, Amerikaner scharf und süß. Verblüfft durften wir feststellen, dass Japaner wie Schotten schmecken, denn sie haben bei ihnen gelernt. Und die Glücklichsten unter uns konnten sogar die beide Schotten unterscheiden: Der eine schmeckte nach Salz, der andere nicht.

Es war ein schöner Abend mit André. Er ist Informatiker und hatte uns zu Ehren ein T-Shirt mit der verwaschenen Aufschrift „Katzen würden Whisky saufen“ angezogen. Die Veranstaltung nannte er poetisch: „Die Welt des Whiskys, Whiskys der Welt“. (Bevor irgendjemand meckert: Whisky = schottisch / kanadisch, Whiskey = irisch / amerikanisch, Whiskys / Whiskeys = Plural im Deutschen, Whiskies = Plural im Englischen.)

André hatte auch eine Minidestille mitgebracht. Als Basisalkohol nahm er Guinness. Würgreiz stieg in mir auf, aber André erklärte, dass er nunmal einen lebensmittelgeprüften Alkohol nehmen müsse, und Guinness komme irischer Maische nunmal am nächsten. Beim Destillieren, soviel wird nicht überraschen, stellt man ein Konzentrat her. Alkohol und Geschmack ins Töpfchen, Wasser ins Tröpfchen. Man braucht also Alkohol, um ein Destillat herzustellen. Da kann man nehmen, was man will. Es gibt ja auch Bierbrand, und ungefähr das war es also, was André für uns fabrizierte. Er stellte ein Teelicht unter die Minibrennblase, und irgendwann tröpfelte was ins Töpfchen daneben. Der Alkohol war als Erstes verdampft, kühlte an der Decke des Brennbläschens ab und wurde eben ins Töpfchen geleitet. Es schmeckte nicht nach Whisky, aber auch weniger nach Bier als befürchtet.

Meine Neugier aber war geweckt, aber eher in Hinsicht auf die Geschmacksnuancen. Destillieren allerdings schien mir damals viel zu kompliziert. Ich hab mal versucht, einen Klaren mit Dill zu aromatisieren, weil ich den so gern mag, aber das Ergebnis schmeckte nur nach Gras. Jahre weckte ein Büchlein mein Interesse wieder, das den verlockenden Titel trug: „Die Kunst, Schnaps zu brennen“ – mit dem für Dänen sicher noch verlockenderem Zusatz „… für einen Fünfer pro Flasche“. Aber das Einzige, was mir simpel genug schien, war die überraschende Methode der Gefrierdestillation. Es ist im Prinzip das gleiche Prinzip, nur umgedreht. Man packt einen Wein in den Gefrierschrank und wartet – nein, nicht, dass die Flasche birst – sondern dass das Wasser gefriert. Was dann noch aus der Flasche tropft ist – voilà – der Alkohol. Hohe Konzentrationen wird man so aber nicht erreichen und reiche Aromen auch nicht.

Und um die geht es mir ja wie gesagt. Fanta-Korn oder Vodka-Red-Bull versuche ich zu vermeiden. (Bis auf die Zugfahrt zum BAC nach Köln ist mir das auch gelungen.) Es macht einfach keinen Sinn, widerliche Limonaden mit geschmacklosem Alkohol zu strecken, nur weil es knallt. Das ist natürlich eine Frage des Geschmacks. Ich pöbelte einmal gegen Rotwein mit Cola, bis mich die Runde darauf aufmerksam machte, dass ich soeben klebrigen Holunderblütensirup in meinem Weißwein gekippt hatte. Und selbst Roger Jorgensen sagte, die billige Brandy-Coke-Mische, die seine Landsleute so lieben, sei ein fairer Genuss bei einem Rugbyspiel. Seinen eigenen Brandy nennt Roger „Savingnac“. „SA“ steht für Südafrika, „vin“ für Wein und als Anspielung auf die französische Brandy-Kultur und „gnac“ ist kurz für „Gentlemen never add coke“. Denkt mal drüber nach.

Hier brennt Roger Brände

Ich gebe ja ganz offen zu, Leute mit diesem Blog für neue Dinge begeistern zu wollen. Für Dinge, die ich als begeisterungswürdiger einstufe als andere. Vodka-Red-Bull halte ich für ungemein begeisterungsunwürdig. Das hat mit Gummibärchengeschmack zu tun, mit Austria Salzburg (R.I.P.) und mit dem Vodka, mit dem es meist angeboten wird wird. Es gibt ja Leute, die behaupten, Vodka mache keinen dicken Kopf. Diese Leute behaupten auch gerne, dass Vodka nach nichts schmecken dürfe. Das ist natürlich Unsinn. Ein russischer, ukrainischer oder polnischer Vodka, der was auf sich hält, wird sanft nach Getreide schmecken. Nach Dinkel, so wie Rogers „Primitiv Vodka“. Oder nach Chili. Wenn man denn Chili reingetan hat.

Die Workshopteilnehmer lassen das Gelernte auf sich wirken

Was aber stimmt, ist das dicker Geschmack und dicke Köpfe nahe beieinanderliegen. Und zwar wegen der Köpfe – der Köpfe des Destillats. „Vorlauf“ auf Deutsch, „heads and tails“, sagte Roger. Beim Destillieren trennt man wie bereits angedeutet die Spreu vom Weizen. Das Dumme ist, dass die Spreu nicht nur die Kopfdickmacher, sondern auch die meisten Geschmacksstoffe trägt. Die Spreu nennt man übrigens Fusel-Öle. Und nach ihnen nennt man Getränke, die zuviel davon beinhalten. Der Trick ist also, den Punkt zu finden, an dem soviel Kopfschmerz im Alkohol ist, dass der enthaltene Geschmack eine Weiterverwendung nicht mehr rechtfertigt. Fertig.

Aber fangen wir am besten vorne an:

  1. Man nehme eine alkoholhaltige Flüssigkeit
    Das kann irgendeine alkoholische Flüssigkeit sein, also etwas, das Zucker beinhaltete und nun vergoren ist. Der Zucker kann auch zuvor aus Stärke gewonnen sein. Das ist im Grunde der Unterschied zwischen Weinen und Bieren. Weine aus Trauben und anderen Früchten haben Zucker, Biere basieren auf Getreide, also Stärke. Der Zucker kann natürlich auch sonstwoher kommen, aus Zuckerrohr (Rum) oder Zuckerrüben. Die Stärke auch, verzweifelte Skandinavier brennen sogar Holz zu Schnaps.
  2. Man destilliere diese Flüssigkeit
    Das geht im Prinzip wie bei André: Der Alkohol steigt als Erstes auf, kühlt an der Decke ab und wird gesammelt.
  3. Man destilliere diese Flüssigkeit
    Ja, genau: nochmal. Was man da im ersten Durchgang erhalten hat, ist kein Schnaps, sondern eine Alkoholplörre von etwa 20–30% vol. Das ist Rohbrand, Roger nannte es „low wine“. Im zweiten Durchgang gewinnt man dann das Hochprozentige, und hier trennt man also die Spreu vom Weizen. Was zuerst rauskommt, hat eben den niedrigsten Siedepunkt und macht Kopfschmerzen: die „heads“. Wenn die Tropfen nicht mehr nach Essig riechen, hat man den Mittellauf, den verträglichen Alkohol, und den sammelt man solange, bis das Thermometer steigt. Der Alkohol mit dem höchsten Siedepunkt ist der Nachlauf, und nun heißt es also aufpassen. Trick 17 von Rodger: Alle 100 ml sammelt man in neuen nummerierten Gefäßen. Aus denen muss man dann erriechen und erschmecken, bis zu welcher Nummer man sie zum Mittellauf schüttet, um ihm Geschmack zu geben, und ab wann man sie zum Fensterputzen verwendet.

So destilliert man also einen Branntwein. Dieses zweifache Brennen ist auch schon das ganze Geheimnis hinter all den schicken „double-distilled“ Single-Malts. Eine einfache Destillation ergibt keinen Whisky, sondern Plörre.
Aber ganz so einfach ist es natürlich nicht. Ein findiger Ire namens Aeneas Coffey hat ein Verfahren erfunden, mehr, billiger und schneller zu destillieren. Dabei wird kontinuierlich Alkohol durch eine Säulendestille gejagt. Diese „column stil“ verfügt über mehrere Abschnitte, die die oben beschriebenen handwerklichen Durchgänge ersetzen. Am Ende kommen je nachdem, wie lange man das macht, industriell hergestellte Brände oder völlig geschmackloser Alkohol heraus, eben Klarer oder billiger Vodka. Im Gegensatz zur Säulendestille nennt man die bekannten Kupferpottdestillen „pot still“. Erstere nimmt man für klare Brände („white spirits“), letztere für braune, also Cognac, Calvados, Single Malt und guten braunen Rum.
Das ist nur eine Faustregel und soll nicht heißen, dass bei einer Pot-Still eine braune Flüssigkeit rauskommt. Die braune Farbe kommt vom Lagern in Holzfässern. Das Lagern wiederum dient dem Reifen des Brands, er wird weicher. Eine jahrelange Lagerung lässt man nur hochwertigen Tränken zukommen. Und die meisten hochwertigen Brände werden in Pot-Stills gebrannt. Denn wer feine Aromen und nur die besseren Alkohole behalten will, muss das eben schonend und von Hand tun.

Der Snob in mir dachte dann natürlich, für einen ordentlichen Brand käme ausschließlich eine Pot-Still in Frage. Aber so einfach ist es eben nicht. Für einen guten Akvavit, Gin oder Vodka braucht man ja zunächst ein klares, geschmacksneutrales Destillat, und das erhält man am einfachsten aus einer Säulendestille. Es ist dabei ziemlich egal, welchen Alkohol man nimmt, solange es nur ein Guter ist. Bei unserem Workshop hat Rodger Traubenwein zu Klarem gebrannt. Natürlich keinen ausgebauten Sauv-Blanc, sondern jungen Wein, den er von einem benachbarten Gut kaufte. Aus diesem Destillat würde er später seinen Gin machen.

Die Qualität eines Gins hängt natürlich vom verwendeten Alkohol ab, aber auch davon, wie die Aromen hineinkommen. Mal abgesehen von billigsten Gins mit künstlichen Aromen gibt es zwei Methoden: Man kann die Kräuter in den Rohbrand kippen und bei der Destillation miterhitzen. Subtiler ist es aber, sie in den Alkoholdampf zu hängen. So macht es natürlich Rodger, natürlich bei einer zweiten Destillation in einer Kupferblase. Hier sieht man Roger in seiner Hexenküche.

Roger brennt einen orginär afrikanischen Gin mit afrikanischen Kräutern. Einen „Gin of Origin“ sozusagen. Aber was gehört überhaupt in einen Gin? Nun, vor allem Wacholder. Englisch „juniper“, holländisch „jenever“. Daher der Name des Gins wie auch des holländischen Genevers. (Oder dachte etwa jemand an Genf? Think again!) Von einem ordinären Wacholderbrand unterscheiden ihn seine Erd- und Top-Noten. Erstere bringen ihm zum Beispiel Muskat und Zimt, letztere vor allem Zitrusfrüchte. Was genau aber den Gin zum Gin macht, bestimmt jeder Brenner selbst.

Auf der Flasche von Bombay Sapphire etwa sind vierzehn Kräuter verzeichnet, die sie posh „Botanicals“ nennen: Zitrone, Mandel, Süßholz, Wacholder, Schwertlilie, Angelica, Koriander, Zimt, Kubeben-Pfeffer und Paradieskörner. Dann füllt Bombay ditt Janze in eine schnieke hellblaue Flasche. Der Konkurrent Hendrick’s beschränkt sich darauf, zwei ungewöhnliche Pflanzen betont zu nennen, nämlich Gurken und Rosen, und füllt ditt Janze in eine schnieke dunkelbraune Flasche. Beide sind typische Beispiele für den aktuellen Gin-Hype. Als es vor rund zehn Jahren im Prenzlauer Berg Pflicht wurde, zwei–drei komplizierte schottische Whiskynamen ordentlich aussprechen zu können, tippte ich auf Rum als nächste Mode. Aber Gin scheint das Rennen gemacht zu haben, klugem Marketing sei Dank. Allem viktorianischen Kolonialschmu zum Trotz wurde nämlich Bombay erst 1987 gelauncht, beruft sich aber auf ein Rezept von 1761. Klingt irgendwie wie 1899 Hoffenheim. Hendrick’s wurde sogar erst 1999 gelauncht, und zwar ausgerechnet vom schottischen Whisky-Konzern William Grant & Sons. Fehlende Tradition macht man mit fancy Zutaten und klasse Design wett. Hendrick’s unterhält auch eine reichlich betextete Promo-Site, die „Unsual Times“ mit allerlei Kuriosa. Klar, dass ich auf diese Brand-Story anspringe.

Nicht dass wir uns falsch verstehen, Bombay und Hendrick’s sind keine der schlechteren Gins. Beide haben Preise gewonnen. Genau wie Monkey47, jüngst zum besten Gin der Welt gekürt. Und wo kommt der her, dieses Prachtexemplar englischer Destillationskunst? Na? Na? Na? Genau: aus dem Schwarzwald. Ungefähr so englisch wie Admiral von Schneider.

Ein Brenner und ein Unternehmer haben sich zusammengetan, einen ungewöhnlichen Gin zu brennen. Sie haben sich eine großartige Brand-Story erdacht: Ein britischer Offizier, mit dem unwiderstehlichen Namen Montgomery Collins, ließ sich nach dem Krieg im Schwarzwald nieder, und weil er neben Cricket auch Gin vermisste, pickte er Schwarzwälder Wacholder vom Schwarzwälder Schinken und brannte ihn mit Tannennadeln, Schlehe und Preiselbeeren zu Schwarzwald Dry Gin, den er in seinem Gasthaus Zum wilden Affen ausschenkte. Der namensgebende Affe war sein Patenkind im zerstörten Berliner Zoo, dessen Wiederaufbau Monty unterstützte. Klar, dass ich auf diese Brand-Story anspringe.

Auch die Jungs von Monkey47 haben sich ein hübsches Design zugelegt, für das die Stuttgarter Agentur discodoener auch schon Preise gewonnen hat. Auf ihrer facebook-Page hat die Brennerei im vergangenen Jahr einen Workshop (!!) verlost. Man sollte ihnen einen Grund nennen, warum man der Richtige dafür sei. Ich schrieb, ich wolle ihnen Konkurrenz machen, und die belebe ja bekanntlich das Geschäft. Sie haben mich nicht genommen, und ich nehme ihnen das ein klein bisschen übel. Die werden ja noch sehen, was sie davon haben, wenn ich ihnen mit meinem Heide-Gin den Rang abgelaufen haben werde. (Slogan: „Heid-Gin, bumm. Heid-Gin, bumm bumm!“ Testimonial: Heintje.)

Denn wie mittlerweile jedem klar sein sollte, Gin of Origin ist im Kommen. Rodger nimmt African Ginger und Ohandua aus dem Kaokoveld, die Black Forest Distillers ihre Schlehen aus dem Schwarzwald und ich gedenke, Heidekräuter zu nehmen.

Eine Brennerei namens Inverroche an der südafrikanischen Südküste macht einen Gin aus Fynbos, dem speziellen Heidekraut, das die Vegetation des Kaplands so einzigartig macht. Heimat dieser Brennerei ist – und das können die Marketing-Millionen von Hendrick’s nicht kaufen – das kleine Örtchen Still Bay. Ihren goldgelben Heide-Gin habe ich zusammen mit meinen Kumpels Daniel und Toby blindgetestet. Wir waren auf einem Wochenendtripp in den Zederbergen und hatten in der Gesellschaft eines Motorrad-Klubs schon ordentlich Brandy & Coke an der offenen Bar der Herberge getankt – wie gesagt, alles zu seiner Zeit. Der Wirt behauptete sogar, die Cola sei dem Südafrikaner heilig, was gegen die Qualität des Brandys spricht, den er verwendet. (Toby bevorzugte übrigens Cream Soda & Cane, einem scharfen südafrikanischen Rum, was bei mir irgendwo zwischen Fanta-Korn und Vodka-Red-Bull rangiert.)

Später am Ofenfeuer unseres Cottages kauernd, es war Winter, verkosteten wir also Inverroche Verdant gegen … Gordon’s Dry. Ich wollte für uns Anfänger einen deutlichen Kontrast sicherstellen, aber auch nicht den scheußlichsten Fusel nehmen. (Ich hätte gerne auch noch Rogers Gin dabeigehabt, aber der war zu dem Zeitpunkt aus.) Daniel blindtestete zuerst, dann Toby, und beide Anfänger machten den Unterschied zweifelsfrei aus. Nicht nur sei der lokale Gin weicher, er rieche und schmecke mit seinen Kräutern natürlich auch ganz anders. Dann war ich an der Reihe.

„Ha!“, rief ich, kaum dass ich am ersten Glas geschnuppert hatte. „Alkoholische Schärfe, wenig Heidekraut. Das ist Gordon’s.“ Ich war etwas enttäuscht, wie wenig Herausforderung dieses Blindtasting bot. Ich roch am zweiten Glas, doch statt des Duftes Südafrikas roch ich … keinen Unterschied. Ein Schweißperlchen rollte mir über die Stirn. Hatte ich mich vertan? Hatte ich den Edeltrank und den Supermarktschnaps verwechselt? Ich, der workshop-gestählte Spiritist, der angehende Meisterbrenner? Als Roger uns zum Abschluss des Workshops von seinem feinsten Brandy kosten ließ, trauten wir uns kaum etwas zu sagen, aus Angst, es könnte das Falsche sein. Also sprach Rogers Ehrengast, uns vorgestellt als einer der südafrikanischen Brandy-Gurus überhaupt. Er schmeckte Pfirische. Ich nicht. Also stellte ich eine rhetorische Frage, um mir keine Blöße zu geben: „Äh, it’s verry subjective what we taste, isn’t it?“ Zustimmung der Experten. Ich wurde mutiger: „Because…, what hits me most is After-Eight…“ – „Choc-mint! Yeees! Definitely“, sagte der Guru und nickte mir zu. Ich wurde zwei Zentimeter größer.

Links Guru, rechts Roger

Und nun? Ich hatte Minzschokolade aus einem Brandy erschmeckt, und dann sollte ich an einem Vergleich scheitern, den zwei Gin-Novizen mit Leichtigkeit bestanden hatten? „Ich bin überrascht“, sagte ich zu Daniel und Toby, die Augen immer noch geschlossen. „Der Gordon’s ist besser, als ich dachte, und der Unterschied weniger deutlich. Aber der hier …“, ich hielt ein Glas in die Höhe, „riecht mir mehr nach Heide. Das muss der Inverroche sein.“ Ich hörte ein Kichern. Ein Schweißperlchen lief mir über die Stirn.

Reingelegt hatten sie mich, die Arschgeigen. Sie hatten mir zweimal Gordon’s gegeben. Einen kleinen Triumph konnte ich noch feiern, weil das Glas, in dem ich die Fynbos-Note ausgemacht hatte, tatsächlich dasjenige war, in dem bei den Jungs der Verdant-Gin dringewesen war. Vielleicht bin ich doch für höhere Schnapsideen auserwählt.

Es wird sich zeigen, wenn wir nach Deutschland zurückkehren. Als Roger von uns wissen wollte, was wir denn mit dem gesammelten Wissen anfangen wollten, antwortete ich, dass ich in Südafrika wohl nicht anfangen würde zu brennen. Auch wenn die von ihm entworfene Mini-Still tatsächlich nicht allzu groß ist, werde ich sie nicht auf unseren Balkon in Greenpoint stellen, geschweige denn als Übergepäck nach Deutschland einfliegen. Aber die Idee, Heidekraut als Erdtöne zu nutzen, will ich importieren – erst recht wenn es uns wieder in den Hamburger Raum verschlagen sollte. Gin mit eigens gesammelten Kräutern der Lüneburger oder gar Fischbeker Heide. Und dazu eben Calvados aus Äpfeln vom Alten Land, eine zwölfjähriger „Pays Vieux“. Bald im Online-Shop auf deranfaenger.de – sichern Sie sich jetzt exklusiv eine Flasche der Erstabfüllung, Wertsteigerung garantiert!

Ich schließe mit den Worten Pommeroys:

Happy New Year, me gal!

 

PS: Der isländische Suppenschüssel-Gin-and-Tonic hatte eine kleine, haarsträubende Vorgeschichte.

Tobi hatte einen Monat in Reykjavik verbracht, als wir anderen anreisten und jede/r ihm eine Flasche Schnappes mitbrachte, die zollfreie Menge pro Person. Die gute Lidl-Ware war für eine Cocktailparty mit Tobis isländischer WG gedacht. Als wir ankamen, war jedoch von Party keine Rede mehr. Man hatte sich zerstritten. Der Schnaps wurde verstaut und die Wanderung angetreten. Vier Wochen später waren wir noch zu dritt. Das isländische Wetter hatte unseren altersschwachen Baumwollzelten und dem Großteil der Truppe zu sehr zugesetzt. Da saßen wir also, am Stadtrand von Reykjavik, hatten kein Geld, aber knapp zehn Flaschen Schnaps, und warteten auf unseren Rückflug drei Tage später. Was nun? Drei Flaschen konnten wir also zollfrei wieder ausführen. (Allein der Gedanke ist hanebüchen!) Alle anderen konnten wir nicht trinken. Und wir hatten kein Geld. Schnaps, aber kein Geld. Hm. In Reykjavik, wo die Menschen Schnaps aus Holz machen und echte Ware kostet wie eine ganze Bar in Berlin. Hm.

Heureka!

Verkaufen wir die Plörre doch einfach.

Hm.

War nicht einfach.

Aber man muss die Isländer auch verstehen. Was würdet Ihr tun, wenn ein nach Moor müffelnder Ausländer in Pfadfinderkluft versucht, eine Euch unbekannte, ausländische Flasche Rum (Lidl-Eigenmarke!) anzudrehen? Was würdet Ihr anderes machen, als den Kopf schütteln und schnellstens das Weite suchen?

Warum sollte man dem Herrn in der Mitte keinen Schnaps abkaufen?

Immerhin kann ich mir zugutehalten, den Alk nicht an herumlungernde Teenager verkauft zu haben, die mir an diesem Freitagnachmittag sicher ihr Monatstaschengeld gegeben hätten, um auf der Party am Abend mit ner Pulle Schnaps angeben zu können. Ich lief also vor den Teenagern weg, und die Erwachsenen vor mir, bis ein Typ endlich Durst genug hatte, mir die Flasche abzukaufen.
wir konnten uns jeder eine Cola in einer Kneipe davon leisten. Das war nötig, denn es war quasi unsere Eintrittskarte zum Länderspiel Deutschland–England. Carsten Jancker erzielte nach fünf Minuten das 1:0 in München, und wir brüllten in einer Spelunke in Reykjavik wie bekloppt. Danach schossen die Inselaffen noch fünf Tore, und die Isländer um uns herum brüllten wie bekloppt. Der gemeine Isländer ist nämlich – Kabeljaukrieg hin oder her – glühender Fan der Three Lions.